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Autor Thema: Geschichten aus dem Ödland - Part I  (Gelesen 7021 mal)
Nachtmensch
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« am: 21. August 2009, 14:32:46 »

Hallo, liebe Lesefreunde!

In den kommenden Wochen werde ich Euch meine niedergeschriebenen Phantasien, die durch Fallout 3 inspiriert wurden, hier zum Schmökern anbieten. Die Story wird sich etwas von dem abheben, was im Kern des Spieles selbst möglich und erlebbar ist, einerseits durch die Vielzahl an Plugins und Mods, die mein persönliches FO3 inzwischen ziemlich verändert haben, andererseits durch die darin eingebettete, erfundene Rahmenhandlung.
Im Folgenden reihe ich die bislang existierenden Kapitel Stück für Stück hintereinander. Die Fortsetzungen werden im Abstand weniger Tage folgen. So Euch der Stoff interessant genug erscheint, könnt Ihr bei regelmäßigem Besuch dieses Threads immer wieder mit Fortführung der Ereignisse aus Lolas Leben rechnen. Wer dem ganzen Machwerk bis zuletzt treu die Leserschaft widmet, wird letzten Endes einen kompletten Ödlandroman gelesen haben.

Ich kann nur hoffen, Euch mit diesem Thread kurzweilige Stunden und spannende Unterhaltung zu bieten und freue mich darauf, Kommentare oder Kritik - vorzugsweise nicht hier, sondern im Diskussions-Thread - zu lesen.

Screenshots: http://rapidshare.com/files/267644906/Screenshots_Lola.rar

Nachtmensch
« Letzte Änderung: 24. August 2009, 22:24:59 von Nachtmensch » Gespeichert
Nachtmensch
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« Antworten #1 am: 21. August 2009, 14:33:53 »

Sie hasste diese Tunnel.
Sie hasste sie so sehr, wie sie tief, dunkel und bedrohlich waren.
Die nackte Angst, die sich bei jedem Schritt immer kälter in ihr ausbreitete, hetzte sie so schnell wie möglich wieder an die Oberfläche zurück.
Seit sie vor etwa zwei Wochen die Restlichtaufheller-Brillen kaufen konnte, war das Schlimmste daran - die vielen undurchdringlich schwarzen Winkel und Ecken - zumindest etwas entschärft. Aber das stumpfe Grauen, das sich hier unten wie ein Leichentuch über die Trümmer der U-Bahn breitete, wog immer noch tonnenschwer.
Mit zittrigen Fingern schlich sie stets nur wenige Schritte voran, duckte sich wieder an die Wand und horchte in die Finsternis. Das Gehör war hier unten wertvoller als jeder andere Sinn. Das weitläufige Betontunnelsystem hallte jedes Geräusch hunderte Meter weit durch die Enge, verriet jeden Fehler unbarmherzig an alle lauschenden Ohren. Also bewegte sie sich wie eine Katze, geschmeidig, auf samtenen Pfoten. Immer wieder horchend und sichernd.
Die Waffe richtete ihr bissiges Maul stets in Blickrichtung. Augen und Visierlinie waren jede Sekunde eins, ein plötzlich auftauchendes Ziel konnte ebenso schnell wieder verschwunden sein. Zum Feuern blieben kaum mehr als Momentsplitter, eine kurze Salve nur, die - wenn sie verfehlte - die letzte gewesen sein konnte.
Es war ein einziger Alptraum, düster und schrecklich mitanzusehen.
Lola hasste diese Tunnel abgrundtief.

Sie mußte sich irgendwo unter der Penn-Ave befinden, der Pennsylvania-Avenue, wie sie es der Bequemlichkeit halber nie komplett aussprach. Ja nichteinmal ausdachte.
Zwei von den Biestern hatte sie schon kurz hinter dem gitternen Zugangstor in die Hölle geschickt.
Ein drittes kam ihr durch die Fußgängerpassage entgegengestürmt, als gäbe es kein Morgen mehr.
Nun ... für ihn gab es das dann auch tatsächlich nicht mehr.
Diese Wilden Ghule waren der Gipfel der Abscheulichkeit in Lolas Augen.
Ihr sinnentleertes Herumgehetze, die platschenden Laufschritte auf dem kalten Betonboden und ihre erbärmlich krächzenden Schreie, die durch die Finsternis hallten, jagten ihr jedes Mal wieder eisige Schauer über die Haut.
In Gegenwart dieser Kreaturen wurde die Todesangst greifbar.

Weit vor ihr schien sich etwas im fahlen Nebelschleier bewegt zu haben.
Der Atem stockte ihr beim bloßen Gedanken daran.
Nicht noch einer. Nicht schon wieder!
Reglos lauerte sie auf weitere Indizien für die Existenz dieser Halbleben. Aber es blieb still und stickig.
Das FN-FAL im Kaliber 7.62 ruhte an ihrer Schulter, bereit, ohrenbetäubend laut loszubellen.
Hier unten feuerte sie nur noch mit dieser Waffe.
Sie war laut, durchschlagsstark und einschüchternd. Ein Schuß mit dem Schalldämpfer hatte bei Weitem nicht jene psychologische Terrorwirkung, die dieses Monster von Sturmgewehr auszulösen vermochte. Jeder Knall ließ den Staub in Wolken von der Decke rieseln. So hörte und fühlte sich für Lola die schreckliche Macht der Zerstörung glaubwürdiger an.
Und die Getroffenen - oder auch nur Beschossenen - verfielen in panische Angstzustände, wenn der Schalldruck wie eine Flutwelle durch die Tunnel spülte.

Langsam und vorsichtig tastete sie sich weiter durch die Trümmerhalden. Jeder Schritt wurde zuvor daraufhin überprüft, wie er enden sollte. An herumliegenden Glasflaschen, Blechdosen und losen Schuttresten schlängelte sie sich geschickt vorbei, um keinen Laut zu verursachen, der nur irgendwie zu vermeiden wäre.
Die rettende Tür in den Servicekanal konnte sie bereits sehen, dann nur noch die beiden Treppen nach oben und die Wärme des Sommerabends würde sie wieder in sich aufsaugen, wie ein Schwamm. Und diese Aussicht machte sie unvorsichtiger, etwas gehetzter, weshalb sie wahrscheinlich einen Moment zu unachtsam auftrat.

Klirrend und polternd rollte die leere Nuka-Flasche den Schuttkegel hinab, vielstimmig widerhallend an den nackten Betonwänden. Das hochfrequente Klirren bahnte sich seinen Weg in jeden Winkel der Tunnelanlage, lockte jedes bißchen Leben darin zum Hinhören .... Lola biß sich verkrampft auf die Lippen bei jedem einzelnen Aufschlag der Flasche.
Das Echo erfolgte sofort.
Ein vielstimmiges Kreischen und heiseres Aufheulen in allen Ecken und Enden der düsteren Korridore.
"Gottverdammte Scheiße!" flüsterte sie noch, dann rannte sie los.
Hinter ihr formten die hektischen Schritte nackter Füße sich zu einem Schwall an Geräuschen. Im Laufen feuerte sie eine Salve an die Decke, um die Wucht des Lärms für sich sprechen zu hören, aber ihre Verfolger waren zu zahlreich, alsdaß sie sich davon hätten einschüchtern lassen.

Sie konnte nur rennen. Wenn sie stehenbleiben, sich umdrehen und das Feuer eröffnen würde, könnte sie vielleicht noch zwei oder drei von ihnen ins Nirvana pusten, der Rest würde über sie herfallen wie eine Meute tollwütiger Hunde.
Die verdammte Tür kam näher und näher.
Vielleicht könnte sie diese hinter sich zuschlagen, den Ansturm zumindest abbremsen. Noch zwei oder drei Schritte, ... nur wenige Meter.

Sie stieß im Sprung die stählerne Pforte zur Seite, daß die Handgelenke nur so knackten, sah ihn für einen Sekundenbruchteil vor sich stehen und hörte das gebrüllte "Runter!" noch einen Moment lang. Aber das hätte er gar nicht zu sagen brauchen, sie stolperte ohnehin über die Schwelle und schlug der Länge nach auf die Laufgitter vor seinen Füssen.
Im selben Moment ergoß sich ein Schwall Kugeln über sie hinweg durch die Tür und zersiebte ein halbes Dutzend ausgezehrter Ghulleiber regelrecht in Fetzen. Heisere Schmerzenslaute erstarben unter der Wucht des trommelnden Automatikfeuers aus seiner Waffe, glutheiße Patronenhülsen regneten rings um Lola zu Boden und klirrten metallisch melodiös, wie die Klavieruntermalung zu Paukenschlägen einer klassischen Synphonie. Fein versprühter Blutniesel wurde von einem leichten Lufthauch wie ein Nebelschleier über sie zerstäubt, in ihrem Gesicht, auf ihren Händen, ihrem Körper geronnen die winzigen Aerosoltröpfchen zu Rinnsalen und tauchten sie in ein schimmerndes Dunkelrot.

Als es wieder still wurde, spielten ihre Ohren ein durchdringendes Pfeiffen ein.
Der rauchende Lauf eines 7.62er FN-FAL sank langsam Richtung Boden, während er sich zu ihr herabbeugte.
"Sie haben einen ausgezeichneten Geschmack, was die Wahl ihrer Waffe betrifft." sagte sie leise.
Er nickte mit einem verschmitzten Lächeln.
"Ein altes Familienerbstück. Mein Ur-Urgroßvater mütterlicherseits diente für die Armee der Krone in Nordirland. Er schwor auf die überragende Durchschlagskraft dieser Waffe. Gestatten Sie, daß ich neugierig frage: gedenken Sie noch länger hier liegen zu bleiben?"
"Wieso?" begann sie zu lächeln. "Haben Sie vor, die Gelegenheit schamlos auszunutzen?"
Er lachte herzlich auf.
"Nun, ich kann Ihnen empfehlen, erst einen Spiegel zu konsultieren. Nicht, daß ich an ihren Qualitäten zu zweifeln gedenke, junges Fräulein, aber momentan strahlen sie eher den Charme eines Schlachthofes aus. Aber wir können das Thema gern weiter erörtern, wenn sie an einer Dusche vorbeigekommen sind."
Damit reichte er ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.
Nicht unbedingt widerstrebend ergriff sie die günstige Gelegenheit und ließ sich schwungvoll wieder auf die Beine stellen. Dann blickte sie erst an sich herab, um festzustellen, daß sie aussah, wie nach einem Blutbad.
Schließlich sah sie ihm direkt in die Augen und begann laut zu lachen...
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« Antworten #2 am: 21. August 2009, 14:34:37 »

Wölfe jagen nicht allein.
Sie fallen im Rudel über ihre Beute her.
Die Übermacht der Zahl garantiert ihren Erfolg.
Allein und versprengt, abgetrennt von seiner Sippe, ist ein einzelner Wolf zum Tode verurteilt.
Alleine konnte man in dieser Welt schneller sterben, als man gedacht hätte.

"Darf man fragen, wohin des Weges Sie eigentlich wollten?"
Damit reichte er ihr die verlorene Waffe wieder, die während ihres Sturzes zu seinen Füßen weit hinter ihm am Boden gelandet war.
Sie griff nach dem Sturmgewehr und steckte reflexartig erst ein volles Magazin an, ehe sie antwortete.
"Raus aus der Stadt. Zurück nach Hause."
"Sie haben eine richtiges Zuhause? Wie beneidenswert!" schmunzelte er. "Weit von hier?"
Sie nickte.
"Sehr weit. Springvale, nahe Megaton."
Fast erschrak sie ein wenig, als seine Hand in Richtung Ihrer Augen steuerte, aber er strich ihr nur vorsichtig eine blutverklebte Haarsträhne aus dem Gesicht. Ein wohliger Schauer durchlief sie bei diesem sanften Kitzeln an ihrer Wange.
"Sie scheinen eine gehörige Portion Mut mit auf den Weg genommen zu haben. Ein Mädchen diesen Alters mutterseelenallein in diesem Höllenloch. Meine Hochachtung!"
"Die Verwegenheit der Ahnungslosen vermutlich." erwiderte sie.
Er lächelte wieder. Ein freundliches, warmes Lächeln, das sich in die Erinnerung brannte.
Lebhafte, mattgraue Augen dominierten sein Gesicht. Der stoppelige Dreitagesbart war in Ansätzen ergraut, ebenso die halblangen Haare, die zu beiden Seiten des Schädels abrasiert waren. Unter seinem linken Auge klaffte eine alte Narbe, etwas mußte ihm die halbe Wange zerfetzt haben ... vor langer Zeit. Lola schätzte ihr Gegenüber auf Anfang Vierzig. Die Afroamerikaner alterten völlig anders, als ihre eigene Rasse. Irgendwie würdevoller und nicht ganz so verwelkend.
"Wenn ich Ihnen jetzt anbieten würde, Sie zu begleiten, kämen Sie dann auf den Gedanken, das falsch zu interpretieren?" hakte er vorsichtig ein.
"Nein." sagte sie. "Ganz und gar nicht. Würden Sie das denn tun?"
"Hm!"
Er rümpfte die Nase leicht verspielt.
"Nachdem ich keinen besseren Plan habe ... ich denke das Nachtleben von DC ist zu zweit weniger anödend."
"Na dann. Worauf warten wir noch?"
Wenn sie sich nicht täuschte, war das, was sie gerade zu fühlen begann, ein leichter Anflug von Euphorie.
Etwas Unbekanntes aber mischte sich in diese Emotionen, etwas ... Neues!?

Die Dämmerung war bereits in ihre letzte Phase getreten, als sie die Oberfläche erreichten. Stumm waren sie durch die Korridore nach oben gewandert, der Unbekannte ging voraus, seine Waffe lässig auf Hüfthöhe haltend, dem "British-Ready-Anschlag", wie man das in der Fachsprache nannte. Lola beachtete die Umgebung kein bißchen.
Aus irgendeinem Grund überantwortete sie dem völlig Fremden drei Schritte vor ihr die gesamte Absicherung der Situation. Völlig unverblümt legte sie ihr Überleben in seine Hände, ließ ihn alleine mit der Aufgabe, jede Gefahr vorauszuwittern.
Erst nach mehr als einer halben Stunde des Wanderns durch die nächtlichen Ruinen begann ihr dieser Umstand aufzufallen.
Verwundert über sich selbst, aber noch mehr über die regelrecht magische Aura dieses Menschen vor ihr.
Aus irgendeinem Grund ..... aber aus welchem?

Er sprach kein Wort.
Aufmerksam tastete sein Blick die Häuserruinen ab, schwenkte die Fassaden entlang, Hochkonzentriert hielt er an Ecken inne und horchte erst in die Nacht hinaus, ehe er den Schritt aus der Deckung wagte. Wenn irgendwo ein bröckelndes Schuttstückchen auch nur das leiseste Geräusch verursachte, fuhr er herum und legte im Schulteranschlag auf die Quelle der Wahrnehmung an. Danach verharrte er zwei Sekunden reglos, ehe er mit sichtlicher innerer Entwarnung das Sturmgewehr wieder sinken ließ und weitermarschierte.
Fasziniert beobachtete Lola jeden seiner Schritte.
Er mußte gut ausgebildet worden sein, mit Sicherheit ein langjähriger Berufssoldat. Und die praktische Kampferfahrung ließ sich aus jeder seiner durchdachten Bewegungen erahnen.

"In welcher Einheit haben Sie gedient?" fragte sie plötzlich in die Stille hinein.
"Royal Marine Commando." antwortete er trocken.
"Sie sind Brite?"
"Ich war Brite. Jetzt bin ich Staatenloser. Wie wir alle." erwiderte er, ohne den Blick von den Häuserschluchten zu lenken.
Ob sie wohl weiter nachfragen sollte?
"Sieht man mir den Soldaten so sehr an?" nahm jedoch er den Faden rascher wieder auf.
"Ja." entgegnete Lola.
Und damit war die Sache vorläufig erledigt.

Er schien sich in den Ruinen von DC bestens auszukennen. Ohne suchen zu müssen steuerte er in direkter Linie zwischen den Schuttbergen hindurch und führte Lola unbeirrt auf ihr Ziel zu. Sie waren bereits am Stadtrand, im Übergangsgebiet zur Steppe des Ödlandes, als sich ihre Unterhaltung langsam wieder in Gang zu setzen anschickte. Seit die letzten Mauerreste hinter ihnen im Dunkel verschwunden waren, hatte sich eine merkliche Entspannung zwischen die beiden so unterschiedlichen Charaktere gelegt. Die Waffen wurden jetzt nur noch beiläufig in der Hand getragen, manchmal legte Lola die ihre über beide Schultern und ließ die Arme nur daran herabbaumeln.
"Ich heiße Lola." antwortete sie ungefragt.
Der rätselhafte Mann neben ihr sah sie nur kurz an und nickte dann stumm.
Erst einige Zeit später sagte er: "Meine Kameraden haben mich damals immer Jeremia gerufen."
"Damals?"
Unvermittelt hielt er an.
"240 Jahre sind 'ne verdammt lange Zeit."
Lola klappte die Kinnlade nach unten, dann wieder nach oben, holte Luft, als wollte sie etwas sagen ... und sagte dann doch nichts.
Jeremia drehte sich wieder um und marschierte einfach weiter.
So, als wäre es das Selbstverständlichste überhaupt.
"Zwei ... hundert .... vierzig?"
"Vielleicht auch 250. Ich hab irgendwann ein wenig den Überblick verloren. Ohne zuverlässigen Kalender gar nicht so einfach. Welches Jahr haben wir gleich nochmal?"
Lola stand immer noch wie angewurzelt an der Stelle, an der sie das eben Gesagte zu hören geglaubt hatte. Jetzt erst bemerkte sie den wachsenden Abstand zu ihrem Begleiter und lief rasch ein paar Schritte, um wieder aufzuschließen.
"Aber... wieso ... warum sind Sie kein Ghul oder sowas. Sie sehen ganz normal aus."
"Du hast mich bisher noch nie nackt gesehen, Kindchen." erwiderte er. "Und glaub mir, ... das willst Du auch nicht."
"Lassen Sie mich raten ... es war nicht Ihr Ur-Urgroßvater, der in Nordirland diente?"
"Kluges Mädchen!" antwortete er. "Schon mal über 'ne Karriere als Berufsdetektivin nachgedacht?"
Sie grinste ihn direkt und so freundlich wie möglich an.
"Dann könnten sie ja mein Ur-Urgroßvater sein."
Er lächelte sichtlich amüsiert zurück.
"Ja, das könnte ich. Also denk genau darüber nach, was Du in Zukunft anstellst."

Der Mond schwoll langsam zu einer rotorangen Scheibe an. Über Ihren Köpfen spiegelte sich der matte Schein an den vereinzelten Wolkenfetzen.
Wenn sie eine Wölfin wäre, dachte Lola still bei sich, würde sie jetzt diesen beeindruckenden Himmelskörper leidenschaftlich anheulen. Zumindest wäre ihr dann bestimmt danach, das zu tun.
"Und was, wenn wir ein Wolfsrudel gründen, nur wir beide, Sie und ich?" sagte sie dann.
Und kam sich im selben Moment sehr dumm dabei vor....
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« Antworten #3 am: 21. August 2009, 14:35:22 »

Der Morgen danach war irgendwie anders.
Als sie unten im Bunker aufwachte, lag der Teddy neben ihrem Kopf. Fein säuberlich zugedeckt und mit seinen süßen Knopfaugen in ihre Richtung gedreht.
Jeremia hatte oben geschlafen. Dort war auch der Bär gewesen.
Er mußte ihn irgendwann nachts, als sie im Tiefschlaf lag, zu ihr gebracht haben.
Eine berührende, mitfühlende Geste.
Dieser Mann entwickelte sich gerade zu einem undurchdringlichen Dschungel an Kompliziertheiten.

Lola drehte sich auf den Rücken und starrte an die stählerne Decke.
Seine Reaktion auf ihren kindischen Ansager gestern Nacht war ein Phänomen gewesen.
Erst hatte er nur angehalten, den Kopf zum Mond gehoben und lange geschwiegen. Verunsichert war sie einige Schritte hinter ihm geblieben, in banger Erwartung dessen, was nun folgen würde.
Dann plötzlich hatte er sich zu ihr gewandt, sie ohne jede erkennbare Regung von Kopf bis Fuß betrachtet.
Und dann sagte er: "Ich kann einige Zeit auf Dich aufpassen, Mädchen. Wenn Du meiner Meinung nach genug gelernt hast, werd ich wieder verschwinden. Ist das okay für Dich?"
Sie atmete daraufhin erst einmal tief ein, bemerkte in diesem Moment nachträglich, daß sie völlig auf's Luftholen vergessen hatte inzwischen.
Dann nickte sie und erwiderte: "Ja. Ja, klar!"
Und als Nächstes war er einfach wieder losmarschiert.
Kurz und prägnant, so konnte man seine Reaktion wohl nennen.
Sie hatten einen Deal.
Sie waren zu Wölfen geworden.
Wenn sie auch nicht sagen könnte, für welchen Zeitraum.

Als sie die Schleusentür zu der Treppe nach oben öffnete, war sie entspannt und ausgeglichen. Sie konnte den Radio laufen hören und glaubte, Schritte zu erkennen. Three Dog trällerte eine seiner Neuigkeiten durch den Äther, Lola schwenkte ins Wohnzimmer und blickte sich suchend um. Jeremia kam ihr durch die gegenüberliegende Tür ein Stück entgegen.
"Schönen guten Morgen, wünsch ich. Gut geschlafen?"
"Wie ein Baby." antwortete sie.
"Freut mich zu hören. Wie bist Du an dieses Haus gekommen, wenn ich fragen darf?"
Sie zuckte die Schultern und wuschelte sich dann mit der rechten Hand die langen Haare zurecht.
"Bin zur Tür rein und hab's mir gemütlich gemacht." antwortete sie. "Vorher hab ich ein paar Raiders da drüben in der Schule aufgemischt und den Schlüssel gefunden."
Jeremia blickte sie erstaunt an.
"Raiders hatten den Schlüssel? Und hier war niemand?"
"Ja. Genau das. Schätze, ich hatte einfach nur Glück."
Er schüttelte ungläubig den Kopf, ehe er fragte: "Weißt Du, was das hier eigentlich ist?"
"Tja!" erwiderte sie, während sie in die Küche schlenderte, um den Kühlschrank anzusteueren. "Sieht nach einem gut wieder zusammengeflickten Wohnhaus aus. Ich schätze mal, der Besitzer wird es aus gesundheitlichen Gründen nie wieder verwenden wollen. Sonst hätten wohl kaum die Raiders die Tür abgeschlossen."
Jeremia war ihr bis zur Küche gefolgt und lehnte sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen.
"Das hier ..." setzte er zur Erklärung an, "... ist eine Vault-Außenbasis. Solche Einrichtungen dienen als externe Forschungsstation und Rückzugsraum für den Vault-Aufseher, wenn er sich nach draußen begibt. Der Zahl auf den Türen zufolge muß irgendwo hier in der Nähe eine Vault mit der Nummer 101 liegen."
Sie grinste breit, als sie sich zu ihm wandte.
"Ich weiß. Da komm ich nämlich her. Mein Papa hat mir erzählt, daß ich da drin geboren wurde, aber ein gewisser Colin aus Megaton ... Gott hab ihn selig ... wollte hundert Kronkorken dafür, mir etwas Anderes zu erzählen. Die Kugel war wesentlich billiger."
Jeremia schüttelte lächelnd den Kopf.
"Wer hätte das gedacht? 'Ne richtige Vault-Mieze also. Daß ich das noch erleben darf."
Lola angelte sich das nächstbeste Essbare aus dem Kühlschrank, stieß die Tür mit dem Fuß wieder ins Schnappschloß und sagte dann: "Was ist daran so großartig?"
"Die Tatsache, daß Du lebst. Man hat Euch alle für tot gehalten, ... oder besser ... für gar nicht erst geboren. Wer hätte schon gedacht, daß es Menschen in diesen Stahlkoffern zweihundert Jahre lang aushalten, ohne klaustrophobisch zu werden. Warum bist Du raus aus dem Kellerloch?"
Das Mädchen setzte sich mit einem Ruck auf den tresenartigen Küchenblock und begann in Ruhe zu essen.
"Mein Papa..." sagte sie zwischen zwei Bissen "... ist abgehauen. Eines Tages, einfach so. Und ich konnte nicht drinbleiben, weil ich sonst wirklich nicht mehr leben würde."
"Das versteh' wer will." erwiderte Jeremia. "Seit wann wohnst Du hier?"
"Vielleicht zwei Monate, wenn überhaupt. Wieso?"
"Weil anzunehmen ist, daß Du irgendwann Besuch bekommen wirst. Alte Bekannte aus der Vault. Die Aufseher steuern die Außenstationen regelmäßig an."
Kauend schüttelte Lola energisch den Kopf. "Nein. ich werde hier keinen Besuch bekommen. Schon gar nicht vom Aufseher aus Vault 101."
"Was macht Dich da so sicher, Mädchen?" wollte Jeremia wissen.
Sie grinste, streckte Daumen und Zeigefinger der rechten Hand ab, als würde sie eine Pistole damit nachahmen und tat so, als würde sie den Rauch aus dem Lauf pusten.
"Wenn Du verstehst, was ich meine." fügte sie noch hinzu.
Wieder schüttelte der alte Mann den Kopf nachdenklich.
"Scheinst ja ein blutrünstiges kleines Monster zu sein. Leichen pflastern also Deinen Weg, was!? Lebt eigentlich auch noch jemand, der Dich mal aus der Nähe gesehen hat?"
Lola sprang auf und machte zwei Schritte auf Jeremia zu, dann bohrte sie ihm den ausgestreckten Zeigefinger ansatzweise in den Bauch.
"Ja! Du!"

In Megaton hatte sie den Neuankömmling brav erst bei Sheriff Simms vorgestellt, ehe sie zu Moira spazierten, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Jeremia schien Unmengen an Kronkorken zu besitzen, denn als er den Stoffbeutel auf den Ladentisch knallen ließ, hüpfte der Aschenbecher durch die Erschütterung ein wenig. Die Inhaberin des Craterside's quasselte ihn wie jeden Neuen erst einmal ordentlich voll, ehe sie ihm fünfhundert Schuß Munition für das Sturmgewehr, zehn Phosphorgranaten und einen alten Ledermantel verschacherte.
Danach gönnten sie sich einen Drink in Moriarty's Saloon, der nun eher Gob gehörte, obwohl dieser es so nicht nannte. Hinter der Bar waren noch immer einige Blutreste am Fußboden zu erkennen, aber mehr war vom ehemaligen Besitzer des Ladens nicht geblieben. Megaton war ein kleines Stück heimeliger geworden, dachte Lola bei sich.
Und wirklich vermissen würde den alten Giersack vermutlich niemand.

Gegen Mittag machten sie sich auf den Weg zurück in das kleine Haus in Springvale, wo sie sich mit einem schallgedämpften Scharfschützengewehr hinter der Terrassenummauerung auf die Lauer legten, um an der gegenüberliegenden Schule auf Raidergesichter zu schießen. Lola knallte mit dem SSG zwei von ihnen weg wie Tontauben, ehe Jeremia mit einem meisterhaften Pistolenschuß dem Dritten das Licht ausknipste. Konkrete Pläne hatten sie nicht für den restlichen Tag, es gab derzeit nichts Wichtiges in Angriff zu nehmen. Also verwendeten sie die Zeit darauf, sich vorsichtig zu beschnuppern.
Lola erzählte ihre Geschichte so ausschweifend wie möglich, um ihrem neuen Mitbewohner ein halbwegs originalgetreues Bild seines Gegenübers zu vermitteln. Sie betrachtete das als eine Art taktischen Vertrauensvorschuß und hoffte insgeheim, durch dieses Vorausgreifen mehr aus Jeremia herauszubekommen. Aber jedes Mal, wenn sie versuchte, mit direkten Fragen tiefer in das Wesen dieses Mannes vorzustoßen, manövrierte er sie verbal geschickt um das eigentliche Thema herum, bis letztendlich wieder nur sie aus ihrem Leben erzählte.
Als es langsam zu dämmern begann, wußte sie lediglich, daß er zum Zeitpunkt der Bombenabwürfe nahe London stationiert gewesen war, den Befehl zum Abmarsch Richtung Flughafen schon in der Tasche. Von dort aus sollte es Richtung Südpazifik gehen. Aber daraus wurde dann nichts mehr. Vierundzwanzig Stunden später lag die Welt, wie man sie bis dahin gekannt hatte, in Schutt und Asche. Und niemand konnte mehr so genau sagen, was eigentlich passiert war.
Rund fünfzehn Jahre später fiel ihm zum ersten Mal auf, daß er nicht mehr alterte. Da war der Großteil seiner Hautoberfläche bereits so etwas ähnliches wie Pergament geworden. Weitere fünfzehn Jahre danach konnte er sich sicher sein, daß ein langes Dasein auf ihn wartete. Zumindest, wenn es ihm gelingen würde, tief fliegendem Blei immer rechtzeitig auszuweichen.
Als sie ihm von ihrem Plan erzählte, sich bis zum GNR-Gebäude durchzuschlagen - sofern sie es irgendwann finden würde -, um dort nach ihrem Vater zu suchen, legten sich nachdenkliche Züge in sein Gesicht.
Dann sagte er mit ernster Miene lediglich: "Für dieses Kriegsgebiet fehlt Dir noch einiges an Kampferfahrung. Du solltest das vorerst wieder vergessen, Lola."

Er schien etwas irritiert darüber, daß sie ihn mit großen, leuchtenden Augen ansah nach diesem Satz.
"Was ist? Warum dieser Blick?" wollte er von ihr wissen.
Sie setzte sich neben ihn auf die kleine Bank der Terrasse, lehnte sich frech mit dem Rücken an ihn und antwortete schließlich:
"Du hast gerade zum ersten Mal meinen Namen ausgesprochen. Du machst Dir Sorgen um mich. Du magst mich."
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« Antworten #4 am: 21. August 2009, 14:36:03 »

Geschichteunterricht war der Kern des theoretischen Rahmens, den er um seine Schulungen legte. Dazu gesellten sich Waffenkunde, Geschoßballistik und Sprengstofftechnik. Über mehr als vier oder fünf Stunden täglich gelang es ihr allerdings nicht, sich zu konzentrieren, Jeremia pumpte sie in atemberaubendem Tempo mit Informationen voll, klopfte durch stichprobenartiges Nachfragen frühere Inhalte mehrmals wieder ab und knüpfte von diesen nahtlos wieder an weiterführende Lektionen an. Ohne zu fragen, ob ihr das in dieser Form überhaupt ein Anliegen war, hatte er angefangen, sie zur Soldatin zu schulen.
Aber er war ein guter Lehrer, das mußte man ihm lassen.

Sie erfuhr, daß vor dem Jahr 2077 die Existenz der Kernwaffen den Frieden über mehr als 130 Jahre in einem Drahtseilakt der gegenseitigen Abschreckung stabilisiert hatte. Der alte Mann erzählte ihr von den ersten Atomwaffeneinsätzen im Jahre 1945, die das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeuteten, davon, daß sich danach ein Wettrüsten unter den Großmächten bis zum völligen nuklearen Patt aufschaukelte. Die Wörter "NATO" und "Warschauer Pakt" hörte sie zum ersten Mal in ihrem Leben, zwei feindselig einander belauernde Machtblöcke, die im sogenannten "Kalten Krieg" die Geschichte diktierten. Am Ende schien sich für zwei Jahrzehnte eine sogenannte "Unipolare Weltordnung" abzuzeichnen, ehe gegen Anfang der 2000er-Jahre das antike Großreich China - in jahrtausendealter Historie zu einem dominanten Machtfaktor Asiens großgewachsen - einen neuen Gegenpol zum Machtzentrum Washington aufbaute. Im Konkurrenzkampf um Rohstoffe und Energieträger teilten die neuen Großmächte den Globus unter sich auf, streckten ihre gierigen Hände in alle Richtungen, von denen sie sich materiellen Gewinn versprachen. An den Berührungsflächen entwickelten sich erste Spannungen und vereinzelt fielen für einige Tage Schüsse. Mit dem Einfall der chinesischen Landungsflotte in Alaska hatte niemand gerechnet. Wer würde schon freiwillig seine Truppen in diese Eishölle jagen, um dort einen Kampf weitab der Nachschublinien auszufechten, der auf Dauer nur verloren werden konnte?!
Diese Entscheidung des kommunistischen Regimes in Peking hatte den Weg in den Untergang zu ebnen begonnen.
Aber es war weder Alaksa, noch das chinesische Festland, auf das die erste Bombe fiel.
Es war Seoul, fernab des eigentlich Kampfschauplatzes auf der koreanischen Halbinsel gelegen.
Das pharaonenartig herrschende Diktatorenpaar Jam und Ren-Dong Liam in Nordkorea, suchte sein Heil vor den inneren Hungerrevolten im Vorstoß nach Süden. Und wähnte die USA mit dem chinesischen Problem zu beschäftigt, um sich mit solchen Nebensächlichkeiten wie Korea herumzuärgern.
Dieses Kalkül ging als eine der großen historischen Fehleinschätzungen in die Geschichte ein.
Die US-Trägerflotten vor der japanischen Küste antworteten auf den Atompilz über der südkoreanischen Hauptstadt umgehend mit einem Hagel an chemischen, biologischen und letzten Endes thermonuklearen Vergeltungsschlägen gegen Pjöngjang. Die groß angelegte Offensive des Nordens wurde im Bombenteppich der Air-Force zu einem Massaker.
Dann erst schlug China zurück...

Vierundzwanzig Stunden später war der dritte Weltkrieg zu Ende, alle kriegführenden Parteien vernichtend geschlagen und vier oder fünf Milliarden Menschenleben ausgelöscht. Als sich die nukleare Finsternis über die Erdoberfläche zu senken begann, konnte niemand mehr sagen, wer wann und warum noch auf wen geschossen hatte. Es war eine durch Bündnis- und Beistandsverträge ausgelöste Kettenreaktion abgelaufen. Und da Atompilze keine Namensschilder trugen, wurden vermutlich noch einige uralte Rechnungen im selben Aufwaschen mitbeglichen. In der zweiten Hälfte dieses letzten Kriegstages regierte nur noch die Panik. Wer ausreichend Munition sein Eigen nannte, glühte jeden potentiellen zukünftigen Konkurrenten von der Erdoberfläche. Selbst geostrategisch bedeutungslose Regionen wurden in einem Inferno aus Atomschlägen vorsorglich eingeäschert, um nicht zwei Jahrzehnte später als neue Herrscher der Welt übriggeblieben sein zu können. Wieviele amerikanische, russische oder chinesische Nuklearsprengköpfe selbst die engsten Verbündeten trafen, um sie weiterhin auf dem Niveau eines Untergeordneten zu halten, war unmöglich zu durchschauen. Die untergehenden Großmächte wollten zumindest noch garantieren, daß sie den Rest der Welt ebeno klein schrumpften, wie sie es selbst in diesen letzten Stunden der Zivilisation wurden.
Danach folgten fünfunddreißig lange Jahre der Dunkelheit. Erst gegen Ende des Jahres 2112 tasteten sich zum ersten Mal wieder Sonnenstrahlen auf die erkaltete Erde durch. Rund um den Globus feierten überlebende Menschen diesen Tag als Neubeginn der Geschichte. Acht Jahre später begannen zaghaft einige Pflanzen zu sprießen.
Seit 2225 war es auf der südlichen Erdhalbkugel an einzelnen Stellen wieder möglich, Ackerbau in bescheidenem Rahmen zu betreiben. Die Menschheit war wieder auf dem Niveau der Jungsteinzeit angelangt, zersplittert in Stammes- und Sippengemeinschaften, verwickelt in regionale Kleinkriege und Territorialstreitigkeiten. Zum zweiten Mal, seit die ersten Affen vor 4 Millionen Jahren aufrecht zu gehen begonnen hatten...

Lola schwieg stets lange und nachdenklich, am Ende solcher Erzählungen. Jeremia schilderte diese Dinge ruhig und emotionslos, einem Nachrichtensprecher ähnlich, der nur dokumentierte, ohne zu bewerten.
Seit den Tagen des Unterganges war er um die halbe Erde gezogen, vereinzelte, intakte Verkehrslinien, Schiffsverbindungen und anfangs sogar noch Flugzeuge, die noch nicht am Ersatzteilmangel flügellahm geworden waren, ermöglichten interkontinentale Sprünge. Aber je länger die atomare Nacht andauerte, desto deutlicher kristallisierte sich heraus, daß es der Menschheit auf absehbare Zeit nicht glingen würde, sich am eigenen Schopf aus dem Dreck zu zerren. Wirtschaft und Industrie kamen nicht mehr in Gang, Technologie veraltete und versagte mit zunehmendem Rohstoff- und Produktionsmangel.
Findige Köpfe montierten zwar aus eigenem Improvisationstalent aus dem Schrott der untergegangenen Hochkulturen neue, atemberaubend simple Gerätschaften. Mit einfachsten Werkzeugen stellte man Waffen in Eigenproduktion her, die von den übriggebliebenen Relikten des Weltunterganges originalgetreu abgekupfert wurden. Aus antiquierten Methoden konnte die Bewegung von Wasser oder Wind in Elektrizität verwandelt werden, ein minimaler Stromfluß hielt manche Regionen notdürftig am Leben. Aber die Reorganisation von Gesellschaften scheiterte regelmäßig am unnachgiebigen Egoismus, der im täglichen Überlebenskampf jede großflächige Solidarisierung in den Einzelinteressen ertränkte.
Staaten gab es auch 200 Jahre nach dem Tag Null nirgendwo auf der Welt. Auch wenn manche Organisationen ihre Zusammenschlüsse in heilloser Selbstüberschätzung so nannten.

Er hatte das alles selbst gesehen. Mit eigenen Augen. War dabei gewesen, um sich selbst ein Bild der Dinge zu formen.
Und da er endlos Zeit hatte, konnte er ohne jeden Druck damit fortfahren, sich weiterhin darüber zu informieren.
Wie ein stiller, distanzierter Beobachter zog er Jahrhunderte lang seine Bahnen um den Globus, blieb, wo es ihm derzeit gefiel oder es etwas zu tun gab, ging, wenn er wieder woandershin wollte. Auch wenn ein Ziel tausende Meilen entfernt liegen würde, ... er konnte auch hundert Jahre dafür benötigen, es zu erreichen, ohne unter Streß zu geraten.

"Du bist so still." sagte er manchmal zu ihr.
Dann nickte sie nur kaum merklich.
"Irgendwie verändert sich alles in mir. Ich habe das Gefühl, durch Deine Augen tief in die Welt hinauszusehen. Seit ich die Vault verlassen habe, stellen sich mir ständig neue Fragen. Du bist der Erste, der mir Antworten liefern kann."
Jeremia rauchte ruhig und ohne jede erkennbare Regung eine ausgetrocknete Zigarette, blies den Rauch durch die Nase, wie ein Fabelwesen.
"Wenn Du überleben willst,.." sagte er dann, "... mußt Du verstehen, wie die Dinge zusammenhängen. Und dafür benötigst Du Wissen darum, wie das alles anfing. Ich gebe Dir maximal ein halbes Jahr. Dann muß ich weiter. Was Du bis dahin nicht auf die Reihe bekommen hast, ist nicht mehr mein Problem."
"Nicht mehr?" Sie sah ihn fragend an. "Ist es denn jetzt Deines?"
"Ja!" antwortete er trocken. "Jetzt bist Du MEIN Problem. Wenn ich Dich weiterhin so blauäugig durch die Gegend laufen lasse, wirst Du keine 20 mehr."
Sie lächelte still in sich hinein.
"Meine Augen sind braun." sagte sie dann...
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« Antworten #5 am: 21. August 2009, 14:36:44 »

Am darauffolgenden Morgen kam er zu ihr in den Bunker nach unten und weckte sie vorsichtig. Es war die Zeit des ersten silbernen Lichtstreifens am Horizont, wesentlich zu früh für Lolas Gepflogenheiten.
"Wir müssen los, Mädchen. Wir brauchen ein paar Kleinigkeiten aus dem Ödland."
Sie konnte noch nichteinmal das Bild vor ihren verklebten Augen richtig scharf stellen und war mit der Situation vorläufig etwas überfordert.
"Wieso? Was ...?"
"Keine unnötige Fragerei. Gegen Mittag sind wir wieder zurück. Nimm eine gute Waffe mit und genug Munition. Granaten brauchen wir nicht. Wir gehen auf Elektronikjagd."
"Elektronikwas?"
"Elektronikjagd." wiederholte Jeremia. "Wir brauchen Bauteile für eine Improvisation. Und jetzt komm! Solange ihre Batterien noch kalt sind, haben sie weniger Leistung und sind einfacher umzunieten."
Sie rappelte sich mühsam hoch und rieb sich die Augenlider frei.
"Wer?"
"Die Roboter." antwortete er. "Sie sind am Ende der Nacht etwas reaktionsträge und weniger schnell unterwegs. Zu dieser Tageszeit sind sie leichte Beute."

Draußen lag ein bodennaher Nebelschleier über dem Land. Silberne Sterne funkelten zwischen den löchrigen Wolkenfetzen hindurch und ein zartes Glitzern bedeckte die taubehangenen Grashalme. Die Luft lag regungslos und völlig windstill. Es war kühl, aber keineswegs kalt.
Lola hatte inzwischen gelernt, wie militärische Handzeichenführung funktionierte.
Wenn Jeremia vor ihr den rechten Arm nach oben streckte, ging sie im selben Tempo seiner Bewegung in die Hocke über. Blieb er dabei stehen, tat sie das auch. Duckte er sich ebenfalls, verkleinerte sie ihre Silhouette noch weiter und wandte sich nach hinten, um den Rückenbereich zu sichern. Der Vorausgehende hatte die 180 Grad von ganz links, nach ganz rechts vorne abzudecken, ihre Aufgabe als "Deckungsmann" war die Umgebung hinter ihnen.
Wenn es weiterging, pfiff er leise, dann wußte sie, daß es an der Zeit war, sich wieder zu ihm zu wenden und weitere Zeichen abzuwarten.
Manchmal streckte er die rechte Hand zu seiner Seite hin, das Signal, zu ihm auf Flüsterhörweite aufzuschließen und neben ihm in die Hocke zu wechseln. Zumeist gab es dann voraus irgendetwas zu sehen oder zu erklären.

Die Roboter, nach denen sie Ausschau hielten, waren ein Überbleibsel des Krieges. Die Kampfmaschinen, die nicht durch den EMP-Schock der Nuklearexplosionen ihre elektronischen Gedärme eingebüßt hatten, irrten auch zweihundert Jahre später noch mit wirren Kampfaufträgen programmiert durch das Land. Manche suchten bis heute nach gegnerischen Stellungen, die schon längst vom Erdboden verschwunden waren oder sicherten Gebäudekomplexe gegen unbefugte Zugriffe, obwohl diese nur noch moosbewachsene Steinhaufen darstellten. Die gefährlichsten Exemplare aber hatten durch Korrosionsschäden oder Programmierfehler, durchgerostete Kampfsperren oder ausgefallenene Sensoren eine völlige Unberechenbarkeit entwickelt. Ihre Kernfusionsbatterien würden sie noch mehrere Jahrhunderte mit der nötigen Leistung versorgen, modernere Geräte tankten sich durch Solarzellen ohnehin ständig neu auf. Die massivsten Brocken, die Sentry-Bots, waren zudem schwer gepanzert und glichen rollenden Festungen, die aus allen Rohren zu feuern begannen, wenn man sich ihnen näherte. Lediglich die Tatsache, daß sie bei der vermeintlichen Erfüllung ihrer hinfällig gewordenen Kampfaufträge beständig mit blechern monotonen Elektrostimmen wirres Zeug vor sich hinbrabbelten, machte sie etwas verwundbarer, als einen leise und stumm schleichenden Menschen.
Manche Organisationen benutzten umprogrammierte Kampfmaschinen für ihre Zwecke. Die Abtrünnigen der Bruderschaft patrouillierten häufig in Begleitung von Robotern durch das Ödland. Von diesen Geräten ging kaum Gefahr aus - wenn man nicht gerade ein Raider war, der auf ihrer Zielprogrammierungsliste einen Top-Ten-Rang innehatte.

Sie kauerte sich neben Jeremia ins hohe Gras und betrachtete die Landschaft vor sich. In einer Senke, gut zwei Kilometer entfernt, stand ein Protectron im olivgrünen Army-Anstrich und bewegte sich nicht. Schwer zu sagen, ob er noch intakt war.
"Worauf auch immer Du zielst..." begann Jeremia zu erklären "... baller ihm nicht die Birne runter. Wir brauchen sein Kommunikationsmodul. Und das sitzt im Schädel. Wir haben nichts davon, ihn plattzumachen, wenn wir dann nichts mehr mit seinen Überresten anfangen können. Alles klar, Puppe?"
Sie rempelte ihn verspielt etwas zur Seite.
"Nenn' mich nicht dauernd Puppe. Du weißt, daß ich das nicht ausstehen kann."
"Eben!" grinste er zurück. "Legen wir los?"
"Mhm." erwiderte sie noch, aber er war schon aufgestanden und ging langsam auf die Blechdose dort unten im Tal zu.
Der Protectron drehte sich im Zeitlupentempo in seine Richtung.
Lola fragte sich gerade, wieso sie sich nicht besser versteckten.
Oder es zumindest versuchten.

"Identi...fizieren ...sie...sich." stammelte die Maschine wie besoffen, als sie auf etwa siebzig Meter herangekommen waren.
In diesem Moment streckte Jeremia den rechten Arm ruckartig nach rechts von sich weg, Lola ging in den Sprint über und schwenkte im Halbbogen in die zugewiesene Richtung aus, um auf Jeremias Höhe aufzuschließen. Der Protectron drehte seinen Bewegungsmelder konkret mit ihr mit und begann, den rechten Arm, in den die Laserkanone eingebaut war, langsam hochzufahren.
Sie konnte nur hoffen, daß der alte Soldat wußte, was er da tat.
Ein kurzer Blick zu ihm und sie mußte erstaunt feststellen, daß er noch immer langsam und mit unerschütterlicher Ruhe auf die Kampfmaschine zusteuerte, die gerade im Begriff war, auf Amokmodus umzuschalten.
"An ...wen...dung ....töd ... licher...Gewalt .... ist ...ab ... sofort....!"
Eine bellende Burstsalve aus Jeremias FN fegte dem Metallkoloss das rechte Bein in Fetzen, sodaß er blechern rumpelnd zu Boden sackte. Der eben noch abgegebene Laserschuß, der ursprünglich wohl Lola gegolten hätte, steuerte unkoordiniert in den dämmrigen Himmel.
"Zugelassen!" ergänzte Jeremia den unfertigen Satz des Roboters. Dann legte er nochmals an und zersiebte die Rumpfkonstruktion des Protectrons in feinsten Elektronikschrott, aus dem nur noch vereinzelte Funken stoben.
"Sie sind nicht intelligenter als die Menschen, die sie einst programmiert haben. Und die waren offensichtlich kaum mehr als intellektuelle Paarhufer." stellte er dann zufrieden fest, ehe er Lola zu sich und den ausgeschalteten Blecheimer heranwinkte.

"Wieso wußtest Du, daß er ..." wollte sie fragen, aber er unterbrach sie bereits.
"Langsame, unhektische, aufrechte Bewegungen muß er mehrmals auf mögliche Bedrohungsindizien überprüfen. Das sieht seine Programmierung vor. Damit wollte die Army eine zusätzliche Absicherung eingbaut wissen, daß er nicht plötzlich den nächstbesten GI aufs Korn nehmen würde, der sich nur die Zähne putzen gehen wollte. Schnelle, hektische Bewegungen sind ihm mehr Aufmerksamkeit wert. Also übersieht er, was ich in diesem Moment mache."
"Herrgott nochmal, Jeremia. Du hast mich zum Lockvogel gemacht. Und wenn er mich erwischt hätte?"
"Keine Sorge, Kindchen. Das hätte er in hundert Jahren nicht, glaub mir. Dafür ist er mit abgekühlten Schaltkreisen zu träge."
Die Erklärung war zweifelsohne in Ordnung, man konnte sie so im Raum stehen lassen. Aber der Gedanke, daß nur eine weitere Sekunde mehr hätte verstreichen müssen, um sie mit der brennenden Glut des Protectron-Lasers bekannt zu machen, behagte ihr nicht besonders.
"Was wollen wir überhaupt genau von ihm? Ein Kommunikationsmodul?" fragte sie nach, um sich von der Idee abzulenken, jetzt schon tot sein zu können.
"Im Prinzip sein internes Funkgerät. Soweit ich feststellen konnte ist die Amateurfunkbox in Deinem Haus in bester Ordnung. Aber um diejenigen zu erreichen, die ich erreichen will, brauche ich einen Sender für einen anderen Frequenzbereich."
Sie betrachtete interessiert, wie Jeremia neben seinen Erklärungen die Deckelplatte am Hinterkopf des zerstörten Roboters abschraubte und an einem kleinen, unscheinbaren Modul herumzufingern begann. Lola hatte schon viele dieser Maschinen ausgeschaltet, aber bis auf die verwertbaren Altmetallteile, Batterien und die Munition, die sie für ihre Waffen bei sich trugen, hatte sie alles andere an Bestandteilen unbeachtet zurückgelassen.
"Wen willst Du denn in Deinem Alter noch erreichen?" fragte sie zynisch.
Jeremia unterbrach seine Arbeit, sah sie durchdringend an und erwiderte: "Was soll das heißen: In Deinem Alter? Ich bin noch keine 300, das ist in den besten Jahren für einen Mann."
Sie konnte sich ein Grinsen nur schwer verkneiffen, als sie ihn so sah. Er wirkte beinahe ein wenig verärgert.
"Und wofür genau die besten Jahre, wenn ich mal fragen darf?"
Er schüttelte mürrisch den Kopf.
"Für all die Dinge, für die ein freches Mädchen wie Du noch wesentlich zu jung ist. Ja!?"
"Okay!" antwortete sie amüsiert. "Wenn Du das sagst, alter Mann!"
In diesem Moment zog er mit einem Ruck eine etwa zigarettenschachtelgroße, von heraushängenden Kabelenden nur so strotzende elektronische Einheit aus dem Kopf ihres Opfers.
"Wunderprächtig!" kommentierte er seine Beute. "In erstklassiger Verfassung. Noch zwei davon und wir können uns Nahverkehrssprechfunk gönnen. Damit wir im Kampfgewühl auch ohne direkten Sichtkontakt kommunizieren können."
Lola war beeindruckt von der Idee.
"Wow! So richtig mit Walkie-Talkie, wie die Spezialeinheiten in den martialischen Heldenfilmen? Das klingt klasse."
"Ja. Genau so. Und es ist auch klasse. Kann uns beiden das Leben retten. Komm jetzt. Wir brauchen noch zwei von diesen wandelnden Mülleimern."

Es wurde Mittag, als sie zur Lolas Heim zurückkehrten.
Der Tag war etwas bewölkt und heftiger Wind hatte eingesetzt. Regenwolken waren am Horizont zu erkennen, am Nachmittag könnten sich Gewitter breit machen über dem Ödland.
Jeremia machte sich unverzüglich daran, die Amateurbox zu zerlegen und das neue Bauteil sehr improvisiert einzuflechten. Mangels einer Möglichkeit, die Enden der Drähte miteinander zu verlöten, drallte er nur die Litzen zu zopfartigen Geflechten und umwickelte diese mit schmalen Gewebestreifen. Schließlich schraubte er das Gerät wieder zusammen und schaltete es ein.
Lola hatte irgendetwas Spannendes erwartet, aber stattdessen war lediglich ein etwas anders als vorher klingendes Rauschen zu hören. Langsam drehte Jeremia am Frequenzrad und verharrte bei jeder Veränderung der Töne einen Moment.
"Was suchst Du denn?" wollte Lola wissen.
"Ein Peilsignal. In den Ruinen von DC strahlt eines unserer Geräte permanent einen tonlosen Träger aus. Damit können wir im gesamten Ödland selbstgebaute Funkgeräte überprüfen. Wenn man damit dieses Signal empfangen kann, kann man auch alle anderen erwischen."
"Wer ist wir?" wollte Lola wissen.
"Was?" Jeremia schien ihr nicht folgen zu können.
"Du sagtest gerade ... eines UNSERER Geräte ....!"
"Ach, das meinst Du. Ja. Wir. Erzähl' ich Dir ein ander Mal, Mädchen."
Damit schaltete er das Funkgerät ab, stand auf und schlenderte in die Küche, wo er sich seelenruhig ein Nuka-Cola aus dem Kühlschrank angelte.
"Wer IST wir?" bohrte Lola nach.
"Ich sagte doch, ... das erzähl' ich Dir ein ander Mal."

Eigentlich idiotisch, dachte Lola in diesem Moment.
Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte sie bei dem Wort "unser" für einen Moment die Assoziation "Eine Frau" im Kopf. Und wenn sie noch ehrlicher zu sich selbst war, dann mußte sie feststellen, daß ihr diese Idee nicht gefiel. Nachdem sie diesen verwirrenden Umstand erkannt hatte, antwortete sie einfach nur mit "Okay!"
Es war wohl besser, sie würde mit ihrer Paranoia heimlich, still und leise selbst fertigwerden.
Das konnte zumindest keinen unnötigen zwischenmenschlichen Kollateralschaden verursachen ...
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« Antworten #6 am: 21. August 2009, 15:14:48 »

Seit dem Beginn ihrer Zusammenarbeit - oder was auch immer sich dabei langsam zu entwickeln begonnen hatte - waren rund vier Wochen vergangen. Lola hatte den Umgang mit Waffen noch nie wirklich vernachlässigt, aber seither war kein Tag verstrichen, an dem sie nicht essentielle Details dazugelernt hätte. Und in Situationen wie dieser konnte sie das nur allzu gut gebrauchen.

Sie lauerte hinter einem hüfthohen Mauerrest auf irgendeine Bewegung. Vor ihr erstreckte sich eine vollkommen undurchsichtige Zone, schwerer, sandiger Staub hing wie ein Vorhang in der Luft. Seit dem mittleren Vormittag tobte ein Sandsturm über dem Ödland, der die Sicht auf unter 30 Meter reduzierte. Jeremia und sie waren davon vollkommen überrascht worden, da die Hochhausruinen der Stadt ihnen jeden Ausblick auf den Horizont abgeschnitten hatten. Sie hatte momentan keine Ahnung, wo der eigenartige Brite sich befand. Zuletzt hatte sie ihn rund zwanzig Meter weiter an ihrer rechten Flanke in den Graben abtauchen sehen. Die Promenade bei diesem Wetter zu überwinden war ein verfluchtes Himmelfahrtskommando.
Jetzt hörte sie nur gelegentliche Schußsalven schräg unterhalb der Grabenwand zu ihrer Rechten. Das Funkgerät schwieg schon eine ganze Weile sehr beunruhigend.
Ruckartig zog sie den Abzug durch und senste einen Muty mit einer gezielten Salve von den Beinen.
"Gesichert!" schnarrte der Lautsprecher auf ihrem Ohr. "Auf zwölf Uhr vorrücken!"
Sie sprang auf und über die Mauer vor ihr, rannte geduckt zu einem alten Autowrack, sprang dort in den Graben hinab und schloß zu Jeremia auf. Sobald er ihre Ankunft registrierte, schickte er sie mit einem zackigen Handzeichen voraus.
Sie schlängelte sich an ihrem Deckungsmann vorbei und schlich mit angelegter Waffe vorwärts.
"Hab ich Dich!" brüllte jemand oberhalb des Grabens. Sie riß das Gewehr herum und feuerte instinktartig auf die Silhouette über ihr. Schwer polternd schlug die Minigun in den Grabenboden, als der Supermutant nach hinten wegknickte.
"Sauber getroffen!" sagte das Funkgerät. "Und weiter!"
Im Laufschritt ging sie weiter vor, sicherte "ihre" 180 Grad dabei gewissenhaft ab. Ihr Herz schlug bis zum Hals, das Adrenalin peitschte sie unbarmherzig voran. Sie konnte eine unterschwellige Todesangst förmlich schmecken, aber die Hektik der Kampfsituation überdeckte jeden Zweifel an der Notwendigkeit sehr wirkungsvoll.
Im Laufen hörte sie das verdammte Piepsen links neben sich.
"Mine!" brüllte sie noch, um den nachrückenden Jeremia zu warnen, dann knallte es auch schon.
Splitter und Dreck flogen ihr nur so um die Ohren, aber sie hatte im Laufen noch die entscheidenden Meter zwischen sich und den Sprengsatz gebracht.
"Alles in Ordnung da vorne?"
"Alles bestens!" funkte sie zurück. "Gehe weiter Richtung Bunker vor!"
Garben von Geschossen, die glühende Linien in den aufgewirbelten Staub zogen, fegten über den Graben hinweg. Vor dem Kapitol tobte wie immer eine heftige Schlacht. Mutanten und Talonsöldner kämpften seit Wochen verbissen um jeden Meter Boden im Umkreis des Gebäudes. Warum, wußten sie vermutlich selber nicht. Um ein Haar verfehlte sie das herabsausende Nagelbrett.
Der verdammte Muty hatte hinter der Ecke auf sie gelauert.
Intuitiv wich sie einige Schritte zurück und lockte ihn so aus seiner Deckung, Jeremia pumpte ihn aus zehn Metern Entfernung von oben bis unten mit Blei voll. Sie konnte die Bunkertür schon sehen.

Kurz bevor sie diese erreichte, schwang die metallene Pforte auf und gab dem Mutanten dahinter das Schußfeld auf sie frei. Einige Kugeln zischten pfeiffend an ihr vorbei, dann lag der Knabe am Boden. "Eingang gesichert?" fragte Jeremia an.
Sie wartete noch auf die Detonation der Phosphorgranate, die sie hineingeworfen hatte, dann meldete sie kurz und griffig zurück: "Gesichert!"

Im Inneren des Bunkers war es eigenartig still.
Jeremia stand halb gebückt hinter ihr, während sie vor ihm am Boden lag und in Marschrichtung visierte.
"Vorwärts!" befahl der Soldat.
Sie rappelte sich auf und schlich leise voran. Der Herzschlag in ihren Ohren war so laut, daß sie den Eindruck gewinnen konnte, man müßte das bis in jeden Winkel dieses düsteren Unterstandes mitanhören können. Meter um Meter tastete sie sich weiter, den Blick stur so tief in den Raum wie möglich gerichtet ... bis ihr linkes Schienbein den Stolperdraht abriß.
Klappernd polterten drei oder vier Handgranaten hinter einem schräg aufgestellten Brett hervor. Lola wandte sich um und sprang einfach.

Als der Staub sich etwas gelegt hatte, sah sie Jeremias Stiefel genau vor ihrer Nase.

"Ja, ich weiß!" sagte sie pflichtschuldig.
"Das will ich auch hoffen. Wenn kein Verzögerungszünder am Werk gewesen wäre, könnte ich Deine Eingeweide jetzt von der verdammten Lehmwand hier abkratzen."

Sie hatte sich für stark gehalten, bevor er ihr das Gegenteil bewies. Jetzt wußte sie, daß sie bis dahin nur verdammt viel Glück gehabt hatte. Jeremia hielt ihr eine glimmende Zigarette vor die Nase.
Nach kurzer Überlegung griff sie danach und steckte sie sich zwischen die Lippen, ehe sie sich aufrappelte.
"Ich dachte, Du rauchst nicht." sagte Jeremia.
"Tu ich auch nicht." erwiderte sie nur.
Dann sog sie den Qualm tief in ihre Lungen, wo er den Dunst der Angst etwas vernebelte.
Sie hatte nur beschissenes Glück gehabt hier draußen.
Das war ihr jetzt endlich klar geworden...
« Letzte Änderung: 21. August 2009, 15:18:15 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #7 am: 22. August 2009, 22:39:45 »

Immer, wenn sie aus dem Ödland zurückgekehrt waren, entspannte sich tief in ihr etwas merklich. Die Ruhe und Geborgenheit des kleinen Häuschens in Springvale wirkte wie ein Narkotikum, fast schon berauschend.
Mit den Raiders, die die gegenüberliegende Schule als Unterschlupf benutzten, hatten sie einen stillschweigenden Pakt geschlossen, der mit einer ganzen Menge Blut besiegelt worden war. Nach einem guten Dutzend Letalverluste hatten diese Ödland-Punks die Tatsache akzeptiert, daß die Mitte der Straße eine nicht übertretbare Grenze markiert. Manchmal, wenn Jeremia und Lola auf der Terrasse saßen, winkte sogar einer von ihnen freundlich herüber. Es war einfach zu komisch.
Wie gut dressierbar diese Asozialen eigentlich sein konnten, wenn man ihnen ausreichend Respekt einflößte.

"Wann wirst Du's mir erzählen?" fragte das Mädchen mitten ins Blaue hinein. Einen Versuch war es auf jeden Fall wert.
"Was erzählen?" erwiderte Jeremia.
"Wer WIR ist!"
Er lächelte.
"Bist ziemlich hartnäckig, was!? Okay. Damit Du Ruhe geben kannst: WIR ... damit meine ich meine Jungs da draußen. Sie sind derzeit weit im Süden unterwegs, werden aber in den nächsten Wochen wieder in diese Gegend kommen. Nur tief in DC halten ein paar Zurückgelassene unsere Stellungen im alten britischen Botschaftsgebäude. Mehr als ein Dutzend Wachen sind aber nicht dort zur Zeit."
"Deine Jungs?"
"Meine Einheit. Royal Marines. Viele von uns waren nach dem ersten Nuklearschlag noch am Leben. Und aus anderen, versprengten Truppenteilen schlossen sich immer wieder Überlebende an. Diejenigen, die genug, aber nicht zu viel Strahlung abbekommen hatten, leben heute noch. Wir sind noch etwas mehr als achtzig Mann. Aber durch die Kämpfe werden wir nicht gerade mehr. Nur vereinzelt schließen sich uns Ödländer an, die die Lücken füllen."
Lola musterte den alten Soldaten neugierig. Eigentlich wartete sie auf mehr Details. Aber von allein schien er nicht weitersprechen zu wollen.
"Und was machen Deine Jungs jetzt weit im Süden?"
Jeremia legte seinen Arm um ihre Schultern und sagte dann: "Kommunisten jagen!"
Lola lachte herzlich. "Wie im Kalten Krieg? Willst Du mich verarschen? Das ist mehr als ein Viertel Jahrtausend her."
"Und immer noch tobt die Schlacht. Sie haben einfach nicht aufgehört."
Spätestens jetzt war der Punkt erreicht, an dem sie nur noch Bahnhof verstand.
"Ich kapier gar nichts mehr. Kannst Du mir das noch mal ganz langsam und deutlich erklären: Ihr jagt Kommunisten im Süden von DC? Und diese Kommunisten kämpfen auch immer noch gegen Euch?"
"Ja, Puppe, das tun sie." erwiderte er. "Und wir kämpfen immer noch gegen sie. Das ist die Logik des Krieges. Krieg ist immer gleich."
"Ich weiß nicht!" sagte sie dann. "Das find ich jetzt irgendwie ziemlich abgefahren. Und nenn' mich nicht dauernd Puppe. Das hasse ich!"
"Ja!" grinste er. "Das weiß ich!"

Eine Weile saßen sie stillschweigend nebeneinander auf der Terrassenbank. Die Abendsonne warf lange Schatten in Richtung der alten Schule. Ein junger Raider patrouillierte mit ernster Miene zwischen den aufragenden Mauerresten. Geschickt vermied er es dabei, in ihre Richtung herüberzusehen, wie zufällig.
"Wir vermuten auch hier in DC noch irgendwo welche." sagte Jeremia plötzlich.
"Aha!" entgegnete das Mädchen. "Wie kommst Du darauf?"
Jeremia streckte sich genüsslich durch und sagte dann:
"Manchmal empfangen wir ihre Funksignale. Und Peilungen ergeben, daß sie im Nordwesten der Stadt abgesendet werden. Da rennen irgendwo noch immer verdammte Reisfresser herum."
"Hey!" schnarrte Lola ihn an. "Ich bin auch Asiatin."
"Ja, aber keine chinesische Rotarmistin. Das ist ein ziemlich bedeutender Unterschied."
"Chinesen? Hier in DC? Sag mal, nimmst Du heimlich Drogen oder sowas?"
Jeremia schüttelte nur den Kopf nachdenklich.
"Sie haben vor den Bombenabwürfen jahrelang die gesamte westliche Welt unterwandert. Spione vor Ort, infiltrierte Sondereinheiten und als Touristen eingeschleuste reguläre Soldaten. Wir sind vor vier Jahren in Chinatown in New York auf eine halbe Division von ihnen gestoßen. Wenn uns nicht die örtlichen Überreste der US National Guard den größten Teil der Show gestohlen hätten, wären wir dort vollständig aufgerieben worden. Der dritte Weltkrieg tobt heute noch. Auf Graswurzelniveau werden immer noch die Konflikte ausgetragen, die ein Rudel Irrer vor mehr als 250 Jahren angezettelt hat."
Lola schüttelte ungläubig den Kopf.
"Aber das ist doch idiotisch. Wieso sollten heute noch Veteranen des Krieges leben? Das ist mehr als zweihundert....!"
"Ich lebe auch noch." unterbrach sie Jeremia.
Das war ein Argument.
Aber die Vorstellung, daß ein Haufen zu Ghulen mutierter Frontsoldaten beider Konfliktparteien noch immer einen Krieg auszufechten versuchte, der für alle Beteiligten seit mehr als zwei Jahrhunderten definitiv verloren war, schien immer noch etwas absurd.
Sie überlegte eine Weile, ehe sie ihre Frage über die Lippen brachte:
"Du wirst später wieder in diesen Krieg ziehen, nicht wahr!?"
"Später?"
Sie nickte nachdenklich.
"Nachher. Nach mir. Nachdem Du mich wieder allein gelassen haben wirst."
Er streichelte ihr sanft über den Kopf, als wollte er sie trösten, ihr den zukünftigen Kummer fürs Erste wieder nehmen versuchen.
"Ja." sagte er dann leise. "Ich muß. Meine Männer erwarten das von mir. Ich habe sie von England bis hierher geführt. Und solange ich lebe, werde ich sie weiter anführen."

Sie sah ihm lange in die Augen und betrachtete das Gesicht vor ihr, als würde sie es zum ersten Mal im Leben gesehen haben.
"Wenn Du zu gehen versuchst,..." sagte sie dann, "...werde ich mitkommen. Ich werde mit Euch kämpfen. Und wenn es sein muß ... werde ich mit Euch untergehen."
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« Antworten #8 am: 22. August 2009, 22:40:29 »

Er war am frühen Morgen aufgebrochen, noch vor den ersten Sonnenstrahlen. Die Tatsache, daß er zuvor bei ihr im Bunker war, um sich zu verabschieden und ihr seine Rückkehr für den frühen Abend zu versichern, beruhigte Lola immens. Sie fürchtete jeden Tag um das Leben und die Gesellschaft dieses einzigartigen Menschen. Daß er nach Rivet City müßte, um dort etwas abzuholen, hatte er ebenfalls erwähnt.
Also wußte sie alles, was notwendig war.
Keine fünfzehn Minuten nach ihm verließ sie die kleine Hütte in Springvale und machte sich auf den Weg.

Draußen empfingen sie rotschwarze Wolken, die den Himmel verdüsterten. Es war stockdunkel, nicht nur aufgrund der Tatsache, daß der Tag noch nicht restlos erwacht war. Sie kannte dieses grauenhafte Wetter nur zu gut. Es würde den gesamten Tag über so bleiben: Dunkel, undurchdringlich, finsterer als viele Nächte.

Jeremia hatte ihr erst vor ein paar Tagen erzählt, daß großflächige Tiefdruckgebiete den radioaktiven Staub der Bombendetonationen immer noch in zusammenhängenden Wolkenformationen um die Erde trieben. Tausende von Quadratkilometern groß trieben diese Relikte des Weltunterganges nach wie vor um den Globus und brachten den Menschen ganzer Landstriche für einige Stunden oder Tage die Erinnerung an die 35 Jahre währende Finsternis der nuklearen Nacht zurück.
Genau so hatte es damals ausgesehen. So, wie jetzt, hier im Ödland von DC. Und das überall auf der Welt für die Dauer von dreieinhalb Jahrzehnten.
Lola wunderte sich jedes Mal über die verbissene Überlebensfähigkeit der Menschen.
Der unbändige Wille, weiterzuexistieren, hatte eine halbe Generation durch diese Tage der unendlichen Nacht getrieben. Und mit den ersten grellen Sonnenstrahlen, die damals für wenige Minuten durch eine winzige Lücke in dieser Decke aus Staub und kondensierter Materie krochen, hatte ihre Hoffnung unabänderlich wieder Feuer gefangen.
Sie würden überleben.
Das war die Botschaft dieses winzigen Augenblickes, der die Sicht in die Tiefen des Universums wieder freigab.

Sie setzte die Nachtsichtbrillen auf und schlug die Richtung ein, die er nehmen würde. Sie kannte seine Gepflogenheiten zu einem gewissen Grad.
Wenn er tatsächlich nach Rivet City unterwegs wäre, dann würde er exakt hier entlanglaufen.
Sie brauchte ihm nur auf den Fersen zu bleiben.

Lolas Seele war - um genau zu sein - ein tiefschwarzer Abgrund geworden.
Sie hatte die Jahre ihrer Kindheit in Vault 101 nicht im langsamen Erwachsenwerden verbracht. Vielmehr mußte sie aus der Naivität eines kleinen Mädchens schlagartig erwachen.
Amata hatte sie aus einem Traum geweckt an jenem Morgen.
Oder aus einem Alptraum?
Der Unterschied wurde mit jedem Tag unkenntlicher.
Und ihre Hoffnung, etwas zu finden, das dauerhaft Halt geben könnte, schwand zusehends.
Das schimmernde Grün des Restlichtaufhellers war symptomatisch für ihre Sichtweise, dachte sie still.
Ein Bild der Realität in Echtfarben hatte sie bis heute nicht bekommen.

Sie hatte im Laufschritt bis auf Sichtweite aufgeschlossen und folgte ihm nun still und heimlich.
Warum sie das tat, war ihr vollkommen klar: Weil die Angst, daß er nicht mehr zurückkehren würde, unerträglich wäre.
Sie würde unmöglich den gesamten Tag einfach nur abwarten können.
Besser war es, einfach zu beobachten, wie er seines Weges ging.
Wie ein Schatten, der ihm mit ausreichendem Sicherheitsabstand folgte.

Er schlug die Richtung nach Süden ein, als er die bogenförmige Umfahrungsstraße erreicht hatte, die durch die westlichen Außenbezirke führte. Weit südlich bog die Asphaltbahn Richtung Osten ab und führte dann an der Zitadelle der Stählernen Bruderschaft vorbei in Richtung des Jefferson Memorials. Wenn man dort den Potomac durchschwamm, war man schon beinahe in Rivet City. Sie wußte mit absoluter Sicherheit, daß er diesen Weg wählen würde. Und sie wußte auch, daß an der verdammten Metrostation kurz vor der Arlington-Bibliothek ein großes Raider-Camp lag.
Wenn er dort ankam, konnte es ungemütlich werden.

Keine Frage, er war ein guter Soldat.
Auf dem Weg streckte er eine Gruppe Raiders nieder, die mitten auf der Straße in einem Stacheldrahtkordon Maulwurfsrattenrennen veranstaltete. Mit wenigen gezielten Schüssen hatte er die sechsköpfige Bande beseitigt, als wäre es nur eine Nebensächlichkeit.
Einen halben Kilometer weiter wurden drei Talon-Söldner seine Opfer.
Die Männer wären gar nicht auf die Idee gekommen, ihn anzugreifen. Sie marschierten in braver Ranger-Formation an ihm vorbei, er grüßte sogar noch freundlich ... und als er sich in ihrem Rücken wußte, griff er nach hinten, zog sein FN-FAL und mähte die drei Männer über den Haufen, ehe sie begreifen konnten, was gerade geschah. Lola mußte lächeln, als sie die Szenerie aus sicherer Entfernung betrachtete.
Mit Fairness konnte man es weit bringen auf der Welt.
Aber in der richtigen Situation ein ordentlicher Drecksack zu sein, hatte unbestreitbare Vorteile.

Und dann erreichte er den kritischen Punkt.
Sie kannte die Stelle aus eigener, unangenehmer Erfahrung nur zu gut.
Das Nadelöhr, das sich hier jedem Durchreisenden bot, war von den Raiders zu einem geschickten Hinterhalt ausgebaut worden.
Man hatte prinzipiell drei Möglichkeiten:
Entweder man umging die ganze Geschichte südlich, mit immensem Mehraufwand und einem großen Umweg. Dann mußte man hinter den letzten Häuserblocks des südlichen Distriktes vorbei und konnte kurz vor der Bibliothek wieder auf die Straße zurückschwenken.
Die zweite Möglichkeit war eine Art Frontalangriff auf die schmale Öffnung, die sich hinter der zusammengesackten Brücke in Richtung des Raidercamps auftat. Auf diese Weise handelte man sich zwar den mächtigsten Ärger ein, konnte die Sache aber in fünf Minuten bereinigen, wenn man gut war.
Jeremia wählte die dritte Option.
Er versuchte, die Gruppe Raiders nördlich zu umgehen, indem er hinter der Metrostation vorbeischlich und sich danach an der Hauswand entlangschlängelte. Das war der klassische Mittelweg. Nicht so sicher wie die südliche Umgehung, nicht so riskant wie der Frontalangriff. Aber auch nicht ungefährlich.
Lola rannte los, sobald sie begriffen hatte, wohin er steuerte.
Wenn sie die zusammengestürzte Brücke erreichen konnte, hätte sie ein gutes Schußfeld auf den Bereich zwischen Jeremia und den Raiders. Wenn die Jungs sich dann auf ihn stürzen wollten, mußen sie zwischen den verrosteten Autowracks hindurch, die seit ihrer Massenkarabolage vor 200 Jahren die gesamte Straße blockierten. Und dann hätte sie Lola sauber im Visier.
Also rannte sie, bis die Luftmoleküle sich wie Rasierklingen in ihre Lungenflügel schnitten.

Oben angekommen kniete sie sich hinter die halbhohe Mauer, die das Geländer der Brücke fundamentierte.
Das Colt M4 Carbine im Anschlag sicherte sie den Vormarsch Jeremias, ohne daß dieser auch nur die leiseste Ahnung davon hatte.
"Covered Backup".
So nannte man Operationen dieser Art im Fachgebrauch der Berufssoldaten.
Sie war bereit zu kämpfen. Zu töten. Vielleicht sogar ... ein bißchen zu sterben!?

Er hatte die Hausecke links vor ihr gerade überwunden und konzentrierte sich auf die Patrouille, die die Fußgängerbrücke unter Kontrolle hatte.
Lola beobachtete sehr exakt, wie ein junger Raider - ausgerechnet mit einem Raketenwerfer bewaffnet - auf die Bewegungen aufmerksam wurde.
Anscheinend hatte er bislang keine Details erkannt, aber seine etwas überhöhte Position machte ihm einen weiten Radius freier Sicht auf. Interessiert beobachtete er die gegenüberliegende Straßenseite.
Interessiert beobachtete auch Lola jede seiner Regungen, den Schnittpunkt des Fadenkreuzes beständig auf die Konturen seines Kopfes ausgerichtet.
In dem Moment, als er nach hinten griff, um den rücklings umgeschnallten Raketenwerfer zu erreichen, fegte ihm eine kurze Salve 5.56er-Stahlmantelgeschoße die Schädeldecke auseinander.
In den darauffolgenden Sekunden überschlugen sich die Ereignisse.

Noch während das scharf ins Trommelfell schneidende Echo der Schüsse zwischen den Häuserfassaden widerhallte, eröffnete Jeremia das Feuer auf den Raider zu seiner Rechten, der den Spaziersteg überwachte.
Lola feuerte ohne Unterbrechung von schräg oben auf alles, was sich hinter dem improvisierten Zaun des Raidercamps bewegte.
Magazin um Magazin presste sie gnadenlos in Richtung der Durchmarschöffnung zwischen Hauswand und Wellblechzaun, nur darauf bedacht, den Kugelhagel so dicht wie möglich zu halten, um alles in Deckung zu zwingen, was sich ansonsten ungehindert bewegen würde.
Jeremia hatte inzwischen kehrt gemacht und steuerte auf die Metrostation zu, um in der Treppenabsenkung Deckung zu finden, aus der sich gezielt feuern ließ. Ob er Lola gesehen oder erkannt hatte, wußte sie absolut nicht zu sagen.
Sie war zu sehr damit beschäftigt, auf geduckt herumhuschende Silhouetten zu schießen.

Aus mehreren Richtungen wurde das Feuer erwidert.
Kugeln zischten mit surrenden Lauten an ihr vorbei. Gelegentlich schlug ein Projektil in die halbhohe Mauer, die ihr Deckung gab, und schleuderte Betonsplitter hoch.
Zwei hatte sie definitiv erwischt, das wußte sie. Mindestens vier weitere waren auf dem Weg in Richtung der zusammengestauchten Autokolonne.
Sie wartete nur auf den richtigen Augenblick.

Als die Gestalten unterhalb der Brücke gerade die ersten verrostenden Wracks erreicht hatten, ließ sie das Sturmgewehr fallen, rollte sich nach hinten auf den Boden und warf zwei entsicherte Splittergranaten über die Mauer vor ihr nach unten. Blechern klappernd schlugen die Sprengsätze auf dem verbeulten Metall der Autos auf, dann folgte eine Sekunde der völligen Stille, in der sie das blanke Entsetzen aller Umstehenden förmlich schmecken konnte.

Im nächsten Moment stieg ein rotorange glühender Pilz mit ohrenbetäubendem Knall in den Himmel.
Ein Zweiter folgte nur Bruchteile von Sekunden später. Ein Dritter schloß sich an ... ein Vierter.
Die gesamte Galerie verbeulter Schrotthaufen löste sich in einer Abfolge aus Fusionsreaktordetonationen in lose Blechteile auf.
Ein Inferno aus Feuer und Rauch umschlang die Brücke, auf der sich Lola flach am Boden austreckte. Der Geigerzähler ihres Pip-Boys knatterte wie ein Maschinengewehr, aber die gellenden Schmerzenschreie der verbrennenden und in Fetzen gerissener Raiders verschlangen das Geräusch augenblicklich wieder. Sekundenlang löste eine Explosion die nächste nahtlos ab, dann folgte das dumpfe Aufschlagen herabregnender Wrackteile auf dem brennenden Asphalt.

Als der Lärm sich in einem Meer aus knisternden Geräuschen der entzündeten Umgebung auflöste, hatte Lola nur einen Gedanken im Kopf.
Ruckartig richtete sie sich auf und blickte zum Treppenabgang der Metrostation.
Als sie die - deutlich vom Hintergrund abgehobene - Silhouette Jeremias erkennen konnte, sank sie erleichtert auf die Knie.
Sie griff nach ihrer Waffe, rappelte sich auf und rannte so schnell sie konnte aus dieser strahlenden Apokalypsezone in Richtung Süden. Erst als sie die fahlgelben Wiesen außerhalb des Häusermeeres erreicht hatte, ließ sie sich erschöpft fallen, um durchzuatmen.

Vielleicht war es eine Minute gewesen, vielleicht auch zwei.
Sie hatte die Augen geschlossen, um sich nur darauf zu konzentrieren, genug Luft zu holen. Als sie die Lider hochschlug stand ein Schatten aufrecht über ihr.
Mühsam stellte sie das Bild scharf.
Dann sagte er halblaut zu ihr: "Ich schätze, wir sind wieder quitt, Lola. Gute Arbeit, Mädchen. Ich habe Dir das Leben gerettet, ... und Du mir."
Sie atmete immer noch schwer und tief ein. Nur gequält konnte sie sprechen:
"Ich hatte solche Angst um Dich. Du darfst mich nie wieder so einfach zurücklassen. Versprichst Du mir das?"
Er schwieg einige Augenblicke, in denen sie glaubte, die regelrecht in der Gunst des Momentes erpreßte Antwort vorauszuahnen.
Aber dann sagte er vollkommen trocken:
"Nein!"
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« Antworten #9 am: 24. August 2009, 22:23:19 »

Die restliche Strecke nach Rivet City hatten sie gemeinsam zurückgelegt. Auf dem Weg kam es zu kaum nennenswerten Vorfällen mit einigen Supermutanten, einem kleinen Bad im strahlenden Potomac-River und letztendlich einer spektakulären Gefangenenbefreiung unmittelbar unterhalb der letzten Steigung zur schwimmenden Stadt. In einem konzertierten Angriff kämpften sie eine Gruppe von vier Mutys nieder, die in ihrer improvisierten Festung aus verbogenen Stahlträgern und Stacheldrahtverhau einen Ödländer in ihrer Gewalt hatten. Die Beute würden sie in Rivet City verschachern versuchen, besonders die Minigun war noch in gutem Zustand und würde wohl ein paar hundert Kronkorken einbringen können.
Ihre Munitionsvorräte neigten sich ohnehin langsam dem Ende zu, sodaß der Besuch in der Zivilisation inzwischen durchaus angeraten erschien. Und eine gewisse Erleichterung vom existenziellen Druck des Indianerlandes in den Ruinen von DC konnte nach dem ereignisreichen Weg hierher auch nicht schaden.
Als sich die rostige Brückenkonstruktion vor ihnen in einer viertel Drehbewegung langsam auf ihr Ziel einschwenkte, waren am Horizont wieder erste Sonnenstrahlen zu sehen. Die vorübergehende Nuklearnacht steuerte für heute auf ihr vorläufiges Ende zu.

Der Marktbezirk von Rivet City hatte sich im ehemaligen Hangar des außer Dienst gestellten Flugzeugträgers angesiedelt. Eine kleinere Gruppe Händler bot diverses Material zum Verkauf, insbesondere Waffen und Rüstungen konnte man hier in einer Auswahl wie nirgendwo sonst bewundern. Aufgrund des guten Zustandes der Ware konnte Lola von einer Waffe aus dem Arsenal, das die beiden seltsamen Käuze Flak und Shrapnel anboten, immer nur träumen. Auf dem Tisch lagen in formschöner Anordnung auch dieses Mal die perfektesten Tötungswerkzeuge der Welt angesammelt, allen voran als Blickfänger das Barret Light Fifty, eine Scharfschützenwaffe im Kaliber 12.7 mm. Die ÜSMG-Munition, die man damit auf 2000 Meter noch ins Ziel bringen konnte, riß einen Getroffenen glatt in mehrere Teile. Sogar die härteren Brocken der Supermutanten überlebten einen Schuß durch den Brustkorb unter Garantie nicht. Zudem durchschlug das Geschoß sogar Power-Rüstungen ohne nennenswerte Verlangsamung.
Waffen dieser Bissigkeit waren selten, teuer und heiß begehrt.
Das Baby hier auf dem Tisch wollte für seine Zuneigung mehr als 3000 Kronkorken haben ... eine Unmöglichkeit für Lolas bescheidene Verhältnisse.
"Na Lola!" begrüßte sie Flak mit wissendem Lächeln. "Kommst wohl Deine große Liebe auch wieder mal besuchen!?"
Sie mußte sich erst vom matten Glanz des Barrett losreißen, ehe sie antworten konnte.
"Tag, Flak. Hast Du's immer noch nicht an den Mann gebracht?"
"Du weißt ja, meine Schöne! Dieses Baby spart sich seine Jungfräulichkeit für Deine zarten Hände auf. Bis heute hat sie nicht einen Schuß abgegeben. Und solange Du das nicht änderst, wird sie hier ihrem rostigen Ende entgegenwarten."
Lola mußte lachen. Der Mann war ein Verkaufsgenie sondergleichen. Immer einen guten Spruch auf Lager, dabei stets höflich und mit einem durchdringenden Vorausblick ausgestattet.
Schon als sie dieser Stadt ihren ersten Besuch abstattete, hatte er das gewisse Etwas an Rhetorik aufbringen zu können, um ihr Interesse einzufangen. Ihr heiß geliebtes G36C hatte sie hier zum ersten Mal in Händen gehalten. Und Flak hatte ihr trotz des großzügigen Nachlasses von mehr als 50 Kronkorken auch noch 150 Schuß Munition mit draufgelegt.
"Wenn ich nicht wüßte, ..." konterte sie bewußt provokant, "...daß Du Dir wünschen würdest, ich würde meine Jungfräulichkeit nur für Dich aufheben, dann könnte ich Dich fast für einen Charmeur halten. Aber ich mach Dir einen Vorschlag: Du bekommst Startnummer 2, wenn ich den Ersten hinter mit hab und ich bekomme dafür das Barrett und 500 Schuß Zwölf-Siebener."
Flak hatte sich inzwischen gemütlich auf die Chouch geworfen, die ausgetreckten Beine auf die Armlehne gelegt und lächelte sie jetzt von unten herauf an: "Du würdest Deinen makellosen Körper für diese Waffe zu Markte tragen? Das nehm' ich Dir erst ab, wenn ich's selbst erlebt habe, Lolachen. Aber andererseits: Das Preis-Leistungsverhältnis befindet sich bei diesem Deal etwas im Ungleichgewicht, findest Du nicht auch?"
"Oh ja!" erwiderte sie mit weit aufgerissenen Augen. "Das hab ich gar nicht bedacht. Wenn man es so betrachtet, solltest Du für den Fall vielleicht auch noch die schallgedämpfte MP5 mit drauflegen. Dann wären wir schon näher an einem fairen Geschäft."
Flak lachte laut und herzlich auf.
"Du meinst also, rund 5000 Kronkorken Gegenwert im Tausch für eine Nacht mit Dir sind noch zu wenig? Wenn Du nicht meine Lieblingskundin wärst, würde ich jetzt den Sicherheitsdienst rufen, Schätzchen. Aber ... guter Versuch! Vielleicht solltest Du es heute Abend nochmal probieren, wenn ich stockbesoffen bin und mir alles egal ist."
Sie zupfte kurz an seinen langen Hosen, als unübersehbares Signal, daß er gefälligst seine Hinterbeine von der Couch schwingen sollte, und setzte sich dann neben ihn, als er eine gesittete Position eingenommen hatte.
"Wie geht's Dir, Flak? Alles bestens bei der Navy?"
Sie nannte die Leute hier in Rivet City im Sammelbregiff "Die Navy", weil sie ja in einem alten Flugzeugträger hausten und somit etwas Maritimes an sich hatten.
"Ooooch ... naja. Bis auf die Tatsache, daß ich Dich hier nur alle paar Wochen einmal für zehn Minuten sehe, ja ... ich kann kaum klagen. Wie wär's, wenn Du hierher ziehen würdest? Am Mitteldeck ist eine komplett leere Kabine frei, ich bau Dir da ein hübsches Zimmerchen rein."
"Führ mich nicht in Versuchung, Flak. Ich hab so schon große Mühe dem Barrett fernzubleiben."
Flak nickte wissend. "Das also ist der Grund. Du kommst mich nur deswegen kaum besuchen, weil Du dann immer an diesem Gewehr vorbei mußt und in Folge die Entzugsschmerzen wieder einsetzen. Alles klar! Ich schmeiß es heute Nacht, wenn alle schlafen in den Potomac."
"Nein! Spinnst Du!?" zeterte Lola. Aber im selben Moment begriff sie, daß er nur versucht hatte, auf einen wunden Punkt zu zielen. Dummerweise hatte er getroffen.
"Drangekriegt, Mädchen! Glaubst ja nicht im Ernst, daß ich 3000 Kronkorken einfach so im Fluß versenke, oder!? Nein, nein. Die tragbare Artillerie bleibt schön hier stehen. Aber im Ernst..." Mit einem Schlag wurde er sehr nachdenklich. " .... Hier in Rivet City wärst Du gut aufgehoben. Da draußen im Dschungel treten Dir doch nur irgendwann die Raiders die Tür ein und erdrosseln Dich im Schlaf. Ich hab mit Bannon geredet, er würde mir den Raum billig überlassen. Und Du könntest ihn gratis haben, ehrlich. Komm schon, meine Blume. Laß Dich nicht so bitten. Ein alter Mann würde dann endlich wieder ruhig schlafen können."
Sie sah ihn so treuherzig wie möglich an, das wirkte Wunder, ... und das wußte sie.
"Flak! ... Das ist unglaublich süß von Dir, wirklich. Aber ich hab so viel, was mich in Springvale hält. Vielleicht in ein, zwei Monaten, ja!?"
Er sah sie traurig an, beinahe unglaubwürdig. Dafür wirkte er zu stark, zu unverwundbar ... und gab sich auch immer zu selbstsicher.
Aber jetzt war er irgendwie anders, schlagartig anders geworden.
"Wenn Du dann noch lebst." sagte er leise.
"Red' nicht so kranken Scheiß! Sicher leb ich dann noch,. Ich bin noch keine Zwanzig, viel zu jung zum Abkratzen."
"Ja, Mädchen. Sag das mal der beschissenen Welt da draußen."
Damit stand er auf ud marschierte schnurstracks auf einen jungen Ödlander zu, der sich interessiert seinem Waffenarsenal widmete.
"Tag, Sir. Kann ich helfen? Suchen Sie was Bestimmtes?"
Damit war das Gespräch wohl vorläufig beendet.
Lola schwang sich hoch und machte sich auf die Suche nach Jeremia, der irgendwo im Gewühl abgetaucht war.

Keine drei Minuten später hatte sie ihn an der Bar sitzend entdeckt, also steuerte sie auf ihn zu und setzte sich neben ihn.
"Ist schön, alte Bekannte zu treffen." sagte sie, um ein Gespräch anzuleiern.
Jeremia sah sie nur an, also sprach sie weiter.
"Warum genau sind wir hier? Sagtest Du nicht, daß es etwas abzuholen gäbe?"
"Ja!"  nickte er. "Ist nur leider noch nicht da. Sind wohl zu früh dran, schätze ich."
"Aha!" erwiderte Lola. "Und wann wird ES ankommen? Was eigentlich?"
"Ich schätze mal, daß der Vogel gegen 14 oder 15 Uhr hier eintreffen wird. Und das WAS betreffend ... wir warten auf ein paar Daten."
"Daten?" bohrte sie neugierig nach.
"Vernehmungsprotokolle. Meine Jungs haben Befehl, mir heute die Ergebnisse ihrer Arbeit abzuliefern. Schätze, da wird ein ziemlicher Haufen interessanter Neuigkeiten dabei sein."
Wieder sagte sie nur: "Aha!" weil sie eigentlich keinen Plan hatte, wovon Jeremia da redete.
"Wenn sie heute nicht ankommen, dann müssen wir die Nacht hier verbringen. Aber es gibt schöne Hotelzimmer hier, ist also kein Problem." sagte er dann.
"Okay!" entgegnete sie. Der Abwechslung halber.

Um 20 Uhr checkten sie in Vera Weatherlys Hotel ein.
Der "Vogel" war nicht angekommen.
Was auch immer Jeremia damit gemeint gehabt haben mochte.
Auf jeden Fall wirkte er besorgt. Und das war Lola an ihm noch nie aufgefallen.
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« Antworten #10 am: 24. August 2009, 22:23:55 »

Er hatte zwei Zimmer bezahlt.
Obwohl Lola bis zum letzten Moment insgeheim gehofft hatte, er würde nur eine der Kammern buchen, wurde sie enttäuscht.
Nach dem Abendessen verabschiedete er sich damit, ihr eine gute Nacht zu wünschen und steuerte schnurstracks in sein Zimmer ab. Lola stand ziemlich verwirrt noch eine lange Minute zwischen den metallenen Wänden des Korridors und dachte gar nichts. Dann machte sie kehrt und öffnete ein paar Meter weiter die Stahlluke, hinter der sich ihr heutiges Nachtlager verbarg.

Ziemlich alleingelassen erkundete sie erst den gesamten Inhalt des Raumes, ehe sie sich entschloß, den nicht ganz nach Wunsch gelaufenen Abend zum Abschluß zu bringen. Sie legte die schmutzige Rüstung ab, duschte sich noch vor dem Schlafengehen, pumpte sich dann eine Portion Rad-Away in die Venen, um die Verstrahlung des hinter ihr liegenden Tages loszuwerden und legte sich dann, nur in ein dünnes Stück Stofftuch eingewickelt, auf das angenehm saubere Bett.

An Schlaf war nicht zu denken.

Was auch immer sie jetzt wollen würde, .... hier alleine herumzuliegen und kein Auge zuzubekommen gehörte eindeutig nicht dazu.
Insgeheim hegte sie einen abartig verstiegenen Groll gegen Jeremia, weil er sie ohne jegliche Nachfrage ganz einfach allein in ein viel zu großes Doppelbett abkommandiert hatte. Das war doch vollkommen idiotisch, zwei Zimmer mit der Liegefläche für je zwei Personen mit insgesamt nur zwei Personen zu besetzen.
Reine Kronkorkenverschwendung!
Und dann die Symbolik dahinter.
Nein, ich will Dich nicht bei mir haben. Ich will zumindest nachts meine Ruhe vor Dir.
Was bildete er sich eigentlich ein?
Sie hatte schon gegen Mittag gehofft, daß der "Vogel" - was auch immer das war - nicht kommen würde.
Daß sie ein Hotelzimmer nehmen würden - EIN Zimmer - und  ... und ... und was eigentlich?

Genug!
So ließ sie sich nicht behandeln.
Sie würde jetzt zu ihm rübergehen und Klartext reden.
Die Sache ein für alle Mal auf die Gerade zurechtbiegen.
Und wehe, er würde ihr widersprechen!

Sie war geladen wie eine Kernspaltungsbatterie, als sie die Tür seines Zimmers erreicht hatte.
Auf die Idee, anzuklopfen, kam sie erst gar nicht, ... und sie hatte tatsächlich das Glück, daß nicht abgeschlossen war.
Wie ein zu heftiger Windstoß rauschte sie in die kleine Kammer, drehte sich um, schloß die schwere Stahlluke wieder hinter sich ... drehte sich abermals um ... erstarrte ... fühlte, wie alle Wut in ihr mit einem Mal verschwunden war ... nahm langsam ihre Hände zum Gesicht und hielt sich damit erschrocken den Mund zu.
Atmen vergaß sie völlig.
Dann tastete sie sich langsam mit der rechten Hand zur Wand neben ihr und ging im Zeitlupentempo auf die Knie.
"Oh Gott!" flüsterte sie. "Oh mein Gott!"

"Es wäre nett gewesen, anzuklopfen." sagte er nur leise.
Sie fühlte, wie ihre Augen langsam feucht zu werden begannen.
"Ich wußte nicht ... es ... es ... war nur ... ich ... es tut mir leid." sagte sie dann stammelnd.
Er lachte kaum hörbar für einen Moment.
"Naja. Irgendwann hättest Du es ohnehin gesehen, schätze ich. Dann bringen wir's eben hinter uns."
Das blutige Messer, mit dem er noch eben in der klaffenden Wunde am Oberschenkel gebohrt hatte, um die verkrusteten, eitrigen Geschwüre herauszuschneiden, legte er vorsichtig auf den kleinen Nachttisch neben dem Bett.
Die Plastikplane, die er am Boden ausgebreitet hatte und auf der er stand, war ein einzige, große Blutlache.
Rings um ihn lagen diverse chirurgische Instrumente verstreut, insbesondere gebogene medizinische Nähnadeln und diverse Fäden, verschiedenste Größen und Stärken.
Sie rutschte entsetzt in die Ecke hinter der Tür, wo sie sich zusammenkauerte und ihren Blick starr auf dieses Bild richtete.
Endlose Momente lang verharrten sie nur voreinander, keiner der Beiden sprach ein Wort.
Dann sagte Jeremia mit tonloser Stimme, als hätte er jetzt erraten, weshalb sie hier war: "Ich wollte nicht, daß Du das mitansehen mußt. Deswegen zwei Zimmer."

Sie weinte inzwischen.
Ihr Körper krampfte sich vor seelischem Schmerz zu einem Knäuel, aus dem nur schluchzende Laute zu hören waren.
Mit den Armen verdeckte sie ihren Kopf, ein Zittern erschütterte ihre gesamte Erscheinung, wie Schüttelfrost. Unerträgliche Kälte strömte durch ihre Nervenbahnen, ließ sie ohne Unterbrechung schaudern wie in einem Schneesturm in Sibirien.
"Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Ich lebe seit zweihundert Jahren damit, Lola. Bitte ... Du solltest nicht weinen deswegen, das lohnt den Aufwand nicht."
Mehr konnte er jetzt nicht tun.
Er stand nicht umsonst auf diesem knappen Quadratmeter Plastikfolie.
Wenn er zu ihr 'rübergehen würde, hätte er das Zimmer mit drei Schritten in einen Schlachthof verwandelt.
Als er bemerkte, wie aussichtslos sich die Situation entwickelte, sagte er: "Komm her, Mädchen. Komm her! Komm herüber zu mir. Bitte!"

Sie brauchte ein paar Augenblicke, um sich zu fangen. Mühsam rappelte sie sich auf die Knie, an Stehen war nicht zu denken, aufrechter Gang unmöglich, dafür fehlte ihr der Halt und die Kraft in den Knien. Dann kroch sie langsam auf allen Vieren zu ihm.
Er ging vorsichtig in die Knie, streckte seine Hand aus und streichelte ihr sanft über die Haare.
Sie griff mit beiden Händen nach seinen Fingern und drückte ihre Wange fest in seine hohle Hand, immer noch zitternd und vor innerer Kälte fast erstarrt.
Langsam hob sie ihren Blick von seinen Füßen nach oben.

Das rechte Schienbein lag praktisch völlig frei. Der elfenbeinfarbene Knochen strahlte den matten Schimmer der Nachttischlampe zurück, feine Knoten und Ekzeme übersähten die Haut rings um die offene Wunde. Seine Kniegelenke waren leicht angeschwollen und gerötet, die blassblauen Adern hoben sich wie Seile unter der Haut ab, gelegentlich von schwulstigen Verdickungen unterbrochen. Die Haut blätterte wie Herbstlaub von seinen Beinen, in feinen Schuppen, in handtellergroßen Platten, in Fetzen herabhängend.
So etwas wie Genitalien hatte er nicht mehr, der gesamte Bereich war eine einzige offene Wunde. Am rechten Oberschenkel hatte er gerade gearbeitet. Herausgeschnittene Gewebeteile hingen an fleischigen Fäden aus dem langen, aufgerissenen Spalt.
Teilweise sah man vernähte und schlecht zusammengeheilte Narben, teilweise waren frisch vernähte Wunden noch blutig rot oder fahlgelb vom Eiter.
Der Großteil seines Oberkörpers war ebenso ein Gemisch aus Geschwüren, Knoten und Wunden, erst Richtung Hals glättete sich die schokoladenbraune Haut langsam und ging bis zum Gesicht in Unversehrtheit über. Bis auf den linken Oberarm, dessen Haut trocken und fahl abblätterte, waren seine Arme und Hände weitgehend unversehrt.

Sie kniete vor ihm, seine Hand immer noch fest an sich gedrückt und starrte ihm in die Augen.
"Du hättest nicht herkommen dürfen, Lola!" flüsterte er.
Sie schluckte den zähen Speichel in ihrem Mund mühsam hinab, ehe sie fragte:
"Würde ... würde es wehtun, wenn ich Dich berühre?"
Jeremia schüttelte nur den Kopf.
"Man kann es nicht spüren, nicht schmerzhaft. Es tut kein bißchen weh, wirklich nicht. Glaub mir!"
Langsam stand sie auf, richtete sich mühsam in die Vertikale, dann wischte sie sich die Tränen von den Wangen.
Jeremia war ihr vorsichtig in den aufrechten Stand gefolgt.
Einen Moment standen sie sich ratlos gegenüber, aber dann machte Lola einen kleinen Schritt auf ihn zu.
Ihre nackten Fußsohlen quetschten das langsam gerinnende Blut der Lache auseinander.
Wie in Zeitlupe legte sie beide Hände auf seine Brust, ließ sich näher an ihn heransinken.
"Es tut mir so leid." sagte sie leise.
Dann schlang sie ihre Arme um seinen Hals und schmiegte sich so nahe wie möglich an ihn.
Sein Blut sog sich in großen Flecken durch das dünne Tuch, mit dem sie umwickelt war, klebte den Stoff warm und weich zwischen die Haut der beiden Körper.

Jeremia tastete vorsichtig in die Taille des jungen Mädchens, dann strichen seine Hände nach hinten zu ihrem Rücken, ehe er sie vollends umarmte.
Sie hatte den Kopf an seine Brust gelegt und wiegte sich sanft in seiner Umarmung.
Sein Gesicht konnte sie in dieser Situation unmöglich sehen.
Also biß er einfach die Zähne zusammen, um nicht vor flammendem Schmerz zu schreien....
« Letzte Änderung: 24. August 2009, 22:26:56 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #11 am: 25. August 2009, 12:12:59 »

Es war eine lange Nacht gewesen.
Lola hatte - sobald sie sich wieder etwas besser unter Kontrolle bringen konnte - so gut sie vermochte, geholfen, die Wunden zu säubern, zu vernähen, zu bandagieren. Gemeinsam verarzteten sie die zahllosen Spuren des Daseins als Halb-Ghul, bis sein zersetzter Körper eine Ansammlung von Verbänden, Verpflasterungen und Nähten war. Irgendwann gegen Mitternacht war sie dann eingeschlafen, an ihn geschmiegt und umarmt, den ruhigen Atem des leidgeprüften Soldaten im Nacken und seine rechte Hand auf ihrem Körper fühlend. Das langsame, zarte Streicheln wog sie in einen erleichterten Tiefschlaf, aus dem sie traumlos erwachte, als das Funkgerät neben dem Bett lautstark aufschnarrte.
"Two Six, hier Easy Rat Five. Frage Verständigung? Kommen!"
Ein lautes Dröhnen untermalte den Funkspruch im Hintergrund, Lola konnte nicht sagen, wonach sich das anhörte.
Blitzartig fuhr Jeremia hoch, griff nach dem improvisierten Gerät und antwortete:
"Easy Rat Five, Verständigung klar und deutlich. Frage: Position?"
"Schön Sie wieder zu hören, Captain. Easy Rat im Anflug auf Rivet City, noch etwa fünf Minuten bis Touchdown. Over!"
"Verstanden Easy Rat. Wir sehen uns am Flugdeck. Over and Out!"
Ohne Verzögerung stand er auf und griff nach seiner Ausrüstung.
"Was ist denn los?" wollte Lola wissen, noch deutlich im Halbschlaf und kaum Herrin ihrer fünf Sinne.
"Sie kommen!" erwiderte er. "Zieh Dich an, schnapp all Deine Sachen, wir müssen nach oben!"

Der Alarmstart, den sie hinlegte, war bilderbuchreif. Keine vier Minuten später verließen sie das Zimmer und machten sich auf den Weg zum Treppenhaus, das sie aufs Flugdeck führte.
Schon beim Öffnen der Tür auf die riesige Stahlplattform war ein dumpfes Flattern in der Ferne zu hören.
Lola betrachtete interessiert die verrosteten Flugzeuge, die noch aus der Vorkriegszeit überall verstreut herumstanden, teilweise zerpflückt und ausgeweidet, um an wertvolle Ersatzteile zu gelangen. Im Halbdunkel des erwachenden Morgens wirkten diese Relikte einer untergegangenen Epoche gespenstisch still, wie eine stumme Mahnung. Doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit von einem riesigen, insektoiden Fluggerät angezogen, das sich majestätisch über das Jefferson Memorial hinweg im Tiefflug auf den alten Träger zubewegte. Zwei große Rotoren an den Flügelenden hielten die Maschine solide in der Luft, die Nase hatte sie leicht nach vorne geneigt, um mehr Fahrt zu machen. Beim Näherkommen zeigte das geflügelte Monster seine metallisch schimmernde Außenhaut, die futuristisch kantig in den ersten Sonnenstrahlen glänzte. Mit ohrenbetäubendem Lärm bewegte es sich über den Tower hinweg in den Stillstand, ehe es langsam begann, sich vertikal abzusenken. Währenddessen klappten drei mächtige Schwingen am Rumpf aus und gaben das Fahrwerk frei, das den Beinen eines Insekts fatal ähnelte.
Inzwischen war es unmöglich geworden, etwas Anderes zu hören, als das Rattern der beiden Propeller. Selbst der stählerne Boden unter Lolas Füßen vibrierte und zitterte.

Sie hatte von diesen Dingern bislang nur gehört. Die "Vertibirds" waren gelegentlich weit draußen im Ödland, nordwestlich von Megaton aufgetaucht. Augenzeugen berichteten stets mit einer erschrockenen Ehrfurcht von diesen fliegenden Ungetümen. Wer die Besitzer dieser Ödlandlegenden waren, wußte sie nicht. Aber nun konnte sie erstmals ein solches Objekt mit eigenen Augen betrachten. Und es war tatsächlich ziemlich beeindruckend anzusehen.

Der Pilot ließ die Rotoren unbeeindruckt weiterlaufen, während Jeremia geduckt auf den "Vogel" - wie er ihn genannt hatte - zulief.
Am Heck öffnete sich eine zugbrückenähnliche Klappe nach unten und ein Soldat, der die selbe Uniform wie Jeremia trug, hastete heraus. Unter dem Arm trug er ein Paket mit sich, das er seinem "Captain" wortlos überreichte. Dann liefen beide zurück auf ihre Ausgangspositionen.
Noch bevor die Heckklappe damit begonnen hatte, sich zu schließen, fuhren die Drehzahlen der Propeller erneut hoch, ein kurzer Ruck hob den Vertibird wieder vom Stahlboden und in einer eleganten Rechtskurve schwenkte das Fluggerät beständig aufsteigend wieder in jene Richtung, aus der es gekommen war.
Lola starrte ihm immer noch hinterher, als es nur noch ein winziger Punkt am Horizont war. Die Heckklappe hatte sich erst über dem Jefferson Memorial wieder völlig geschlossen, die ganze Aktion hatte den Eindruck höchster Eile hinterlassen. Und ebenso rasch, wie er begonnen hatte, fand der Spuk auch wieder sein Ende.
"Das war wirklich beeindruckend." sagte sie dann in die neu gewonnene Stille hinein.
Jeremia lächelte.
"Ja, das ist es immer wieder. Früher - vor dem Krieg - hatten wir noch viel größere Fluggeräte. Helikopter nannten wir sie. Sie flogen uns überall hin, wo wir gebraucht wurden. Manche davon waren so groß, daß sie 25 Mann fassen konnten. Der hier schafft gerade mal vier im Transportraum und zwei im Cockpit."
"Fünfundzwanzig?" Lola staunte nicht schlecht.
"Ja. Mit voller Infanterieausrüstung und Bewaffnung. Riesige Geräte, mehr als doppelt so lang wie Deine Hütte in Springvale und so hoch wie ein zweistöckiges Haus."
Sie sah ihn interessiert an, als er das schilderte.
"Und sowas Riesiges konnte fliegen? Das muß ja unglaublich schwer gewesen sein. Wie hielt man es in der Luft?"
Jeremia nahm sie bei der Hand und schlenderte mit ihr los Richtung Treppenhaus.
"Sie hatten Propeller mit 15 Metern im Durchmesser, ganz oben angebracht. Durch den Auftrieb der Drehbewegung hingen sie daran wie an die Decke genagelt. Sie wogen selbst mehr als zehn Tonnen und konnten weitere sieben Tonnen tragen. Sogar kleine Panzer konnte man im Transportraum verstauen."
"Wow!" erwiderte Lola. "Damit konnte man bestimmt jeden Krieg gewinnen. Wenn man 25 Soldaten überall absetzen konnte, wo man wollte."
"Ganz so einfach war es auch nicht. Jede Armee der Welt hatte Waffen, um sie abzuschießen. Und viele Streitkräfte verfügten selbst über zahlreiche Helikopter, manche davon schwer bewaffnet und in der Lage, jedes Luftfahrzeug vom Himmel zu holen."
"Wie viele Vertibirds habt Ihr, Du und Deine Leute?"
"Nur diesen einen. Wir haben ihn den Enklaventruppen abgenommen, als wir eines ihrer Feldlager überfielen."
Lola wurde hellhörig.
"Die Enklave? Die mit diesem Präsidenten und den Augenbots?"
Jeremia nickte.
"Genau die. Sie haben Dutzende dieser Fluggeräte. Taktisch sind sie damit absolut im Vorteil gegenüber jedem Feind."
Jetzt wurde ihr Einiges klar.
"Dann sind die das, von denen Ödlandwanderer immer wieder erzählen. Sehr weit im Nordwesten wurden manchmal welche gesehen."
"Ja." entgegnete Jeremia. "Sie haben einen Stützpunkt in Raven Rock, ein tief verbunkerter, ehemaliger Komplex der US-Nationalgarde. Von dort starten die Maschinen zu Einsätzen im ganzen Ödland."

Man lernt niemals zu Ende. Das war Lola sehr bald klar geworden.
Was sie jetzt erfahren hatte, machte das Bild in ihrem Kopf wieder eine Spur klarer.

"Was haben wir jetzt vor?" fragte sie dann.
"Ich habe bekommen, was ich brauche, also können wir uns auf den Heimweg machen. Wenn Du willst, kaufen wir noch das Barrett Light Fifty da unten im Markt. Ist 'ne verdammt gute Knarre. Und schwer zu finden."
Sie blieb ruckartig stehen, wie angewurzelt.
"Du meinst ... das 12.7mm SSG bei Flak und Shrapnel? Aber das kostet 3000 Kronkorken."
"Ja klar. Ist es ja auch wert. Willst Du es haben?"

Die Antwort des Mädchens lag definitv auf der Hand ....
« Letzte Änderung: 25. August 2009, 18:47:52 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #12 am: 27. August 2009, 03:35:56 »

Sie lag seit etwas mehr als einer Stunde auf dem Flachdach des zerbombten Gebäudekomplexes. Unter ihr erstreckte sich die Penn-Ave in ihrer gesamten Länge, einen guten Kilometer voraus hatte sie völlig freie Sicht. Der steile Gefällewinkel, aus dem sie herabblickte, machte Deckung nahezu unmöglich. Hinter einer hüfthohen Mauer mußte man schon liegen, um nicht zumindest noch mit dem Kopf in ihrem Zielfernrohr sichtbar zu sein. Und die enorme Vergrößerung der unterarmdicken Optik auf dem Barrett Light Fifty ermöglichte es, selbst winzigste Trefferflächen noch präzise anzuvisieren.
Offiziell hatte Jeremia sich die Waffe gekauft, aber seither nie auch nur eine Sekunde in Händen gehalten. De facto gehörte diese tragbare Artillerie bereits Lola. Und sie konnte sich mit dem Besitz dieses bleischweren und unhandlich langen Gerätes durchaus anfreunden.

"Ich hab ihn im Visier. Etwa 900 Meter entfernt. Zieh den Kopf ein." sagte sie in das Mikrofon des Funkgerätes.
"In Ordnung, Mädchen. Knips ihm das Licht aus."
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen.
Ein leichtes Krümmen des rechten Zeigefingers, dann erschütterte ein dumpfer Knall die abendliche Ruhe über der kaputten Stadt. Fast einen Kilometer entfernt wurde einer der Mutys regelrecht ausgehoben und gegen die Wand hinter ihm geschleudert, an der er langsam herabrutschte. Er war schon tot gewesen, ehe er den Schußknall gehört hatte. Die Überschallmunition kostete stolze 10 Kronkorken pro Patrone. Aber sie war es durchaus wert.
"Treffer! Ziel eliminiert!" sagte das Funkgerät neben ihr. Dann beobachtete sie Jeremias dunkle Silhouette, wie sie sich ein paar Meter weiterbewegte, Schritt für Schritt näher an die kleine Gruppe Supermutanten heran, die in der Mitte der Avenue eine sandsackummauerte Stellung hielten. Sie hatte die gesamte Gruppe mit dem ersten Schuß in ihrer Position festgenagelt. Sie konnten nur in Deckung liegen bleiben und sich nicht bewegen, andernfalls pflückte das Barrett den Nächsten aus ihren Reihen. Und bis jetzt wußten sie noch nichteinmal, woher die Schüsse kamen. Die beiden Mutys, die Lola eindeutig erspäht gehabt hatten, waren bedauerlicherweise nicht mehr dazu gekommen, es jemandem weiterzuerzählen. Und selbst wennn .... sie lag deutlich aus der Reichweite ihrer Waffen.

"Ich habe beschlossen ..." funkte sie zu Jeremia hinab, "...ihm einen Namen zu geben. Was hältst Du von Cinderella?"
Eine Weile war es mucksmäuschenstill im Äther, dann erwiderte er: "Oh ja, das klingt gar nicht schlecht. Gibt die nahezu magische Aura sehr gut wieder."
"Genau deswegen. Wir müssen sie aber erst taufen, wenn wir wieder zuhause sind."
"Geht in Ordnung," funkte der Royal Marine zurück. "Ich schätze, eine paar Schluck kühles Nuka-Cola werden ihr nicht schaden."
Das letzte Wort seines Satzes hatte sie nicht mehr gehört. Der Schußknall und sein vielfach zwischen den Fassadenresten widerhallendes Echo schluckten das Signal des leise eingestellten Gerätes vollkommen. In der anvisierten Sandsackfestung sackte ein weiterer Muty ohne Kopf zu Boden. Er hatte die Nerven verloren und war aufgesprungen, um wegzurennen.
Weit war er nicht gekommen, der erste Schritt war noch nicht beendet gewesen, als ihn der stahlummantelte Tod ereilte.
"Das war Nummer sechs." sagte sie leise zu sich selbst.
Somit konnten höchstens noch drei von ihnen leben. Es war Zeit, der Sache ein Ende zu setzen.
Langsam senkte sie das Zentrum des Fadenkreuzes ein wenig nach unten, schwenkte einen Hauch nach links und schätzte den Mittelpunkt des geduckten Zieles grob ab. Dann nagelte sie das Geschoß durch die Sandsäcke hindurch exakt in den Rückentank des Flammenwerfers.
Er hätte ihn wirklich abnehmen und wegschmeißen müssen. Aber dafür war es jetzt eindeutig zu spät.
In einem gleißenden Feuerball flammte die gesamte verbliebene Gruppe zu lebenden Fackeln auf.
Sogar hinter einer Stahlbetonmauer wären sie vor der Durchschlagskraft dieser Munition nicht sicher gewesen.
"Spielverderberin!" funkte Jeremia zu ihr nach oben, aber sie hörte schon wieder das Ende des Funkspruches nicht mehr. Dieses Mal war es das dröhnende Flattern des Vertibirds, der in Höllentempo über ihre Position hinwegzog.

"Two Six, Two Six, hier Easy Rat, Frage Kontakt? Over!"
"Ich höre sie, Easy, klar und deutlich." antwortete Jeremia von der Straße unten.
"Na Captain, auf Großstadtsafari? Position Penn-Avenue?" konnte Lola den Dialog mitanhören.
"Positiv, Easy Rat. Wohin sind Sie unterwegs?"
"Schlechte Nachrichten, Captain. Dringender Medevac-Flug zum Command Center. Wir haben zwei Schwerstverwundete an Bord. Benötigen dringend ärztliche Hilfe. Wilson und Jonas, die anderen Verwundeten sind noch in Objective Thunder. Die hat's nicht so schlimm erwischt." meldete die Mannschaft des "Vogels".
"Easy Rat Five, erbitte Lagebericht. Over!" erwiderte Jeremia.
"Hier Easy Rat. Wir sind heute nachmittag in einen Reisfresser-Hinterhalt gelaufen. Zwei Tote und sechs Verwundete. Die haben uns abserviert, Two Six! First Sergeant Everest ist gefallen, Sir!"
Eine Sekunde lang trat Stille ein, dann sendete Jeremia: "Verstanden, Easy Rat. Evakuieren sie im Pendelflug alle Verwundeten und die Gefallenen ins Command Center, dann steuern Sie Springvale an und melden sich wieder. Over!"
"Bestätige: Evakuieren alle Getroffenen und nehmen dann Kurs Springvale. Kontakt wird wieder aufgenommen. Over and Out."

Die letzten Worte waren nur noch bruchstückhaft zu hören, der Vertibird war wieder außer Reichweite der Funkverbindung gekommen. Lola befürchtete bereits etwas, aber als Jeremia die Sendetaste drückte, war sie sicher, bereits zu wissen, was er sagen würde.
"Lola! Abbruch der Mission. Wir kehren nach Springvale zurück. Sofort!"

Sie hatte es vorher bereits geahnt.
Jetzt wußte sie es ....
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« Antworten #13 am: 27. August 2009, 03:36:42 »

Der Lärm war gewaltig.
Als sich der Vertibird langsam auf die leicht abschüssige Wiese neben Lolas Hütte in Springvale absenkte, erbebte das wackelige Holzhaus bis ins Fundament. Demütig neigte sich das Gras im Umkreis von zwei Dutzend Metern unter dem Druck der zu Boden gepreßten Luft abwärts. Lola und Jeremia kauerten neben der Wand der Hütte und beobachteten das Schauspiel gebannt. Noch ehe das ausgeklappte Fahrwerk den Boden richtig berührte, sprangen drei Soldaten über die Heckklappe aus dem Luftfahrzeug und warfen sich in verschiedene Richtungen mit den Waffen im Anschlag zu Boden.
Sie wußte, was das bedeutete.
Er hatte ihr in Rivet City erzählt, daß vier Personen Platz im Transportraum hätten.
Sie würde zurückbleiben, ob sie wollte oder nicht.

Langsam liefen die Rotoren des Vogels aus, sodaß der erdrückende Lärmpegel immer erträglicher wurde. Erst nach mehr als einer Minute erstarrten die Propeller vollständig und ließen die Ruhe des Ödlandes zurückkehren. Die Raiders, die normalerweise stets über die Ruinen der zerstörten Grundschule patrouillierten, waren beim ersten Ansatz von Landeanflug blitzartig von der Bildfläche verschwunden.

Die drei Sicherungsmänner hatten sich jetzt erhoben und steuerten je eine der Hausecken an, um sich dort wieder mit der Waffe im Anschlag auf die Lauer zu legen. Ohne jegliche Kommunikation wußte jeder von ihnen, was er zu tun hatte. Ein definitiv makellos aufeinander eingespieltes Team. Jeremia war dem Piloten ein Stück entgegengegangen, schüttelte ihm nun kameradschaftlich die Hand und gestikulierte ihm eine unübersehbare Einladung ins Innere des Hauses.
Lola folgte den Beiden mit ein paar Schritten Abstand.

Auf dem Boden vor der Chouch breitete der Pilot eine große Landkarte aus, auf der ein Gebiet zu sehen war, das Lola nicht kannte. Sie lehnte mit lässig über die Schulter geworfenem Sturmgewehr an der Mauer und lauschte den beiden Männern bei ihrer Lagebesprechng.
"Wir waren gestern nachmittag gegen 1630 etwa hier auf Patrouille, Sir." zeigte der Vertibird-Flieger auf der Karte an. "Ein paar Ödländer hatten uns den Tip gegeben, daß dort draußen manchmal Soldaten unterwegs waren, die eine unbekannte Sprache benutzten. Also haben wir uns das mal näher angesehen."
Jeremia nickte und hörte aufmerksam zu.
"Etwa um 1640 lief Everests Trupp auf eine Sprengfalle auf. Im Anschluß wurde aus mehreren Richtungen mit Raketenwerfern und Sturmgewehren geschossen. Ehe wir dort waren, war der gesamte Zug am Boden, wir konnten nur noch Sicherungsteams absetzen und flankierende Luftangriffe mit der Laser-Gatling fliegen. Sani Roy hat uns dann zur Medevac-Unterstützung angefordert."
"Weiß man, wie viele es waren?" wollte Jeremia wissen.
"Ein Dutzend etwa, eher sogar mehr. Wir haben zwei mit der Bordkanone auf dem Rückzug erwischt. Aber sie haben sich zu schnell im Gelände verstreut. Keine Ahnung, wo sie ihre Stellungen haben."
Der Captain nickte erneut, dann sagte er:
"Wir sehen uns das nochmal an. Fliegen sie im Anschluß alle Reserven aus der Zentrale ein. Wir formieren uns neu und machen denen die Hölle heiß. Wenn sie nur halbwegs logisch vorgehen, dann sind ihre Rückzugsbasen in den beiden Ortschaften westlich und südwestlich der Hinterhaltstellung. Wenn sie sich dort ordentlich einigeln, werden sie schwer rauszuholen sein."
"In Ordnung, Sir. Wie verfahren SIE weiterhin?" wollte der Pilot wissen.
Jeremia sah zu Lola auf und starrte ihr einige Augenblicke ausdruckslos ins Gesicht.
"Ich komme jetzt mit. In Objective Thunder übernehme ich persönlich das Operationskommando. Sie fliegen sobald sie mich abgesetzt haben wieder nach DC und holen alle verfügbaren Männer ab. Legen wir los!"

Lola hatte sich abgewandt und war in die Küche ausgewichen. Dort lehnte sie gebeugt an der Arbeitsplatte und wartete auf ihn.
Er war nur Sekunden später bei ihr.

Erwartungsvoll richtete sie sich auf und wandte sich ihm zu.
Wie angewurzelt blieb er einen halben Meter vor ihr stehen und sah sie nur an.
"Das war es also?" fragte sie flüsternd.
Er nickte kaum merklich.
"Kann ich verstehen." sagte das Mädchen dann. "Sie brauchen jetzt ihren Anführer, nicht wahr!?"
"Ja!" erwiderte er nur.
"Wann ...?"
"Ich weiß es nicht, Lola. Ich weiß es nicht!" unterbrach er sie.
Dann machte er langsam den letzten Schritt auf sie zu und nahm sie in die Arme.
"Kommst Du mich holen?" fragte sie leise.
"So schnell wie möglich, mein Mädchen. So schnell wie möglich."
Aber irgendwie wußte sie, daß er das nur sagte, weil sie es hören wollte.

Sie streckte sich ein klein wenig auf die Zehenspitzen, ehe sie ihn sanft am Hals küßte.
Dann flüsterte sie ihm leise ins Ohr: "Ich liebe Dich über alles!"

Draußen begannen die Rotoren des Vertibirds langsam wieder anzulaufen ...
« Letzte Änderung: 30. August 2009, 03:08:35 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #14 am: 27. August 2009, 18:45:10 »

Schon am darauffolgenden Morgen wußte Lola, was das Wort "Ödland" bedeutete.
Sie erwachte nach kurzem, unruhigen Schlaf mit den ersten Ansätzen von Morgengrau. Draußen prasselte schwerer, dichter Regen vom Himmel, ein trüber Nebelschleier lag wie eine Decke über dem ausgedörrten Gras und eine klamme Kälte kroch in jede Ritze ihrer Rüstung. Eine bedrückende Stille lag in der Luft, gepaart mit einer dumpfen Ereignislosigkeit, die ihresgleichen suchte.
Sie schlenderte hinüber nach Megaton, um sich bei Gob auszuheulen und dabei ordentlich vollaufen zu lassen. Das war in jedem Fall wesentlich besser, als hier in ihrem Haus in Springvale die Wand hochzugehen.

Auf dem Weg erschreckte sie das losplärrende Marschmusikgedudel eines Augenbots dermaßen, daß sie ruckartig die Waffe zog und den schwebenden Blechball beinahe in Altmetall verwandelt hätte. Im letzten Moment stoppte sie ihren Zeigefinger, der schon am Abdrücken gewesen war. Vielleicht wäre es besser, sich nicht unnötig mit Jemandem anzulegen, von dem man nur wußte, daß er überall im Ödland beliebige Mengen an Truppen auf dem Luftweg positionieren könnte.

Als sich das scheppernde Blechtor Megatons wieder hinter ihr schloß, fühlte sie sich etwas besser. Und der kleine Tratsch mit Sheriff Simms machte sie wieder ein bißchen fröhlicher.
Bei Gob wurde sie wie jedes Mal wieder warmherzig empfangen. Der Ghul hinter dem Tresen hatte sie vom ersten Moment an mit freundlicher Sympathie behandelt. Aber seit Moriarty die Graswurzeln von unten betrachten konnte, war dem Mann eine unverkennbar gute Laune zueigen.

"Na Lolachen, mein Engel! Alles bestens im Leben meiner persönlichen Favoritin?"
Aber ehe sie antworten konnte, fügte er bereits hinzu: "Oh! Sieht eher nicht danach aus. Nimm Platz, Schätzchen, fühl Dich wie zuhause. Whiskey oder Wodka? Mit Eis oder ohne?"
"Whiskey. Ohne." erwiderte sie.
Der Ghul knallte ihr ein randvolles Glas auf die Theke, setzte sich auf der anderen Seite des Tresens vor sie hin und stützte die Arme auf das schmutzige Pult.
"Nova. Übernimm mal eben für einen Augenblick. Ich hab was Wichtigeres zu tun jetzt." rief er der ehemaligen Nutte zu. Sie hatte nach Moriartys überraschendem Ableben nahtlos auf Barkeeperin umgesattelt und Gob vorbehaltlos als neuen Boss akzeptiert.

"Also gut, meine Kleine. Schieß los! Welche Gewitterwolken trüben Dein unwiderstehliches Lächeln?"
"Ach Gob!" sagte sie nur. Aber da war schon diese verräterische Nässe in ihren Augen aufgetaucht.
"Das sieht übel aus." sagte Gob und schenkte sich selbst auch einen satten Krug Whiskey ein, ehe er sie wieder erwartungsvoll betrachtete, wie sie da als in sich zusammengekrümmtes Häufchen Elend auf dem Barhocker lungerte.
"Ist es auch, Gob." erwiderte Lola. "Er ist weg. Er hat mich hier einfach zurückgelassen."
Der Ghul mußte nicht lange überlegen, von wem sie da eigentlich redete.
"Ah. Der Knabe von letzthin. Mit dem messerscharfen Rasierklingenblick. Der war doch ohnehin viel zu alt für Dich, Kindchen."
Sie mußte kurz lächeln.
"Das bist Du auch, Gob. Trotzdem würd' ich Dich vermissen."
"Scheiße, das ist ein Argument, ja." entgegenete er. "Wo ist er hin?"
"Zu seinen Truppen. Die wurden irgendwo weit im Südwesten abgeknallt wie die Fliegen und brauchen jetzt eine führende Hand."
Gob schüttelte verwirrt den Kopf.
"Zu seinen ...Truppen? Der Typ hat 'ne eigene Armee?"
"Sowas Ähnliches. Britische Marineinfanterie. Ist seit dem Krieg irgendwie nicht zur Ruhe gekommen."
Gob starrte sie irritiert an, als sie ihm das erzählt hatte.
"Ich versteh' gar nichts mehr. Seit dem Krieg? Aber der Typ war doch kein Ghul. Der sah ja völlig normal aus."
"Du hast ihn noch nie nackt gesehen, Gob. Und glaub mir ... das willst Du auch nicht."
Jetzt nickte er wieder einmal zur Abwechslung.
"Ah! So'ne Halb-Glatthaut. Sind selten hierzulande."
Sie lächelte kurz: "Ist ja witzig. Ich würd' eher von einem Halb-Ghul sprechen."
"Tja!" entgegenete Gob. "Das ist wohl eine klassische Frage des Blickwinkels. Aber jetzt erzähl mal die ganze Geschichte, von Alpha bis Omega. Vielleicht kann ich dann ein wenig qualifiziertere Kommentare abgeben."

Also erzählte sie.
Während sich die Beiden systematisch die Birne zubecherten, redete sie mehr als zwei Stunden lang. Über das Kennenlernen in dem U-Bahnschacht, die Ausbildung, ihre Kämpfe ... jedes Detail. Auch die blutige Nacht im Hotelzimmer in Rivet City schilderte sie ohne jede Beschönigung. Gob schien in diesen Momenten geistig etwas abzudriften und das Mädchen begann sich zu fragen, ob diese intimen Details nicht etwas zu undiplomatisch wären. Aber mit wem, wenn nicht mit einem Ghul, könnte man über so etwas schon reden?
Als sie fertig erzählt hatte, sah er sie lange an, ehe er antwortete:
"Ich will Dich nicht in den sicheren Tod hetzen, Kleine. Die Ruinenstadt ist ein mörderisches Pflaster. Aber Du scheinst ja nicht aus Zuckerwatte zu sein, Mädchen, also sag ich Dir mal, was ich an Deiner Stelle machen würde: Ich würde mir diese verdammte britische Botschaft suchen und ihm dann 'ne ordentliche Ohrfeige reinwürgen, bevor ich ihm um den Hals fallen und ihn abknutschen würde. Wär aber sicher kein Fehler, 'ne schlagkräftige Begleitung mitzunehmen, die Dich im Kampf unterstützen kann. Soweit ich aus der Zeit vor dem Krieg noch weiß, liegt das Botschaftsviertel östlich der Promenade, etwa zwei bis drei Kilometer Luftlinie hinter dem Kapitol. Und wie es da drüben aussieht, kann ich Dir echt nicht sagen. Aber versuch Dein Glück in Underworld, vorzugsweise bei Tulip. Sie hat vor dem Krieg dort drüben gewohnt und irgendwie muß sie ja auf die andere Seite gekommen sein. Also weiß sie am ehesten, wie man dorthin gelangt, Baby."
Lola nickte nachdenklich. Die Idee war ihr auch schon durch den Kopf gegangen. Und unter dem Blickwinkel des Alkoholeinflusses schien die Sache durchaus einen Versuch wert. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wen sie mitnehmen sollte.
Andererseits ... der Starke ist am Mächtigsten allein.
"Das werd' ich machen, Gob. Das werd' ich wirklich machen. Sonst dreh' ich ohnehin langsam durch." sagte sie schließlich.

Sie konnte weder sehen noch hören, daß genau in diesem Moment ein Vertibird im Tiefstflug auf Springvale zusteuerte.
Direkt neben der Schule setzte die Maschine drei Soldaten ab, die sich erst den blutigen Weg durch die Handvoll Raiders bahnten, die an der Ruine der ehemaligen Bildungsanstalt herumlungerten, ehe sie die niedrige Hütte ansteuerten und dort in bilderbuchhafter Manier eine perfekte Rundumsicherung aufzogen. Während zwei Mann nach allen Richtungen ihre Gewehrläufe ausschwenkten, klopfte der dritte Mann an die Terrassentür neben der kleinen Metallbank.
"Lady? Royal Marine Commando. Britische Botschaft! Wir haben Befehl, sie nach DC auszufliegen, Lady. Jemand zuhause?"
Nach kurzem Warten schüttelte er enttäuscht den Kopf, ehe er sich an die anderen beiden Soldaten wandte:
"Nichts zu machen. Abmarsch, Männer, wir brechen ab. Zurück zum Vogel."
Im Rückmarsch zum wartenden Vertibird griff der Mann nach seinem Funkgerät und sagte laut und deutlich:
"Two Six, hier Five Eleven. Objective Tiger nicht angetroffen. Brechen Mission ab und kehren zum Command Center zurück. Over!"
"Verstanden Five Eleven. Rückflug auf direktem Weg. Over and Out!"

"Prost!" sagte Lola zu ihrem Ghul-Freund in dieser Sekunde. "Auf einen langen und harten Kampf um die Ruinenstadt! Möge die Macht des blanken Stahls mit mir sein!"
« Letzte Änderung: 28. August 2009, 01:37:24 von Nachtmensch » Gespeichert
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